34 Arbeit&Wirtschaft 8/2016
B
etreuung in der Nachbarschaft“: 
Das bedeutet Buurtzorg auf 
Deutsch. Jos de Blok, selbst Pfle-
ger und heute Geschäfts führer, 
hat die Organisation 2006/2007 mit 
einem kleinen Team von PflegerInnen 
gegründet. Grund war die Unzufrie-
denheit der PflegerInnen mit den Ent-
wicklungen in der mobilen Pflege in den 
Niederlanden seit den 1980er-/1990er-
Jahren: Komplexe Planungs prozesse, 
strikte Ziel- und Zeit vorgaben und sehr 
ausdifferenzierte  Tätig keitsprofile der 
Pflegekräfte prägten den Beruf damals. 
Damit einher gingen die Verbüro-
kratisierung und die Zersplitterung der 
Pflegetätigkeit, was wiederum die Ent-
wertung der Fachqualifikationen der 
PflegerInnen zur Folge hatte, und das 
wirkte sich negativ auf die Qualität der 
Pflege aus. Viele qualifizierte Pflege-
kräfte verließen den Job.
Autonome Teams 
Unter diesen Rahmenbedingungen star-
tete Buurtzorg mit einem völlig anderen 
Ansatz. Sie knüpften an die Tradition 
der „community nurses“ an, die bis in 
die 1980er-Jahre in den Niederlanden 
verbreitet waren. Die Organisation be-
steht aus hoch qualifizierten PflegerIn-
nen-Teams, die sich aus jeweils maxi- 
mal zwölf Personen zusammensetzen, 
welche eigenverantwortlich ihr beruf-
liches Know-how umfassend einsetzen 
können. 
Die mehrheitlich diplomierten Pfle-
gekräfte (zum Teil mit Bacheloraus-
bildung) planen und gestalten den ge-
samten Pflegeprozess im Team. Dazu 
gehören: KlientInnen- und Mitarbeite-
rInnenakquise, Pflegebedarfserhebung, 
Arbeitsplanung, Aufbau formeller und 
informeller regionaler Netzwerke, Ent-
wicklung innovativer Projekte, Ver-
waltung der Team-Finanzen inklusive 
eines eigenen Weiterbildungsbudgets 
etc. Der Team(entwicklungs)prozess 
wird von Anfang an unterstützt: durch 
entsprechende Schulung aller Mitarbei-
terInnen, organisationseigene Coaches 
(früher selbst Pflegekräfte) und ausrei-
chende Zeitressourcen.
Durch diese eigenverantwortliche 
Gestaltung des Pflegeprozesses kommt 
Buurtzorg völlig ohne mittleres Ma-
nagement in der Gesamtorganisation 
aus. Die damit erzielten Kosteneinspa-
rungen sind beachtlich: So hat Buurtz-
org lediglich acht Prozent Overhead-
Kosten, während diese bei vergleichba-
ren Anbietern in der mobilen Pflege in 
den Niederlanden durchschnittlich bei 
25 Prozent liegen. Das dadurch frei 
werdende Geld wird in hoch qualifi-
ziertes und gut bezahltes Pflegepersonal 
investiert. Der Erfolg spricht für diese 
Organisationsform: Buurtzorg wurde 
2015 bereits zum fünften Mal zum 
 besten Arbeitgeber der Niederlande 
 gewählt.
Lebensqualität als Ziel
Pflegebedürftigen Menschen ein mög-
lichst selbstständiges und selbstbe-
stimmtes Leben zu ermöglichen, ist das 
erklärte Ziel bei Buurtzorg. Entspre-
chend weit gefasst ist das Verständnis 
von Pflege: von medizinischen und re-
habilitativen Aufgabe bis zu sozialer Be-
treuung. 
Auch einfache Tätigkeiten (außer 
Haushaltsarbeiten) werden von den di-
plomierten Fachkräften übernommen, 
weil sie als Teil des ganzheitlichen Pfle-
geprozesses verstanden werden. So 
kann die Pflegekraft beispielsweise 
während der Körperpflege wichtige In-
formationen zum Allgemeinzustand 
des Klienten oder der Klientin mitbe-
kommen, beispielsweise zu Atmung, 
Gewichtsabnahme etc. 
Einen hohen Wert haben auch 
die Präventionsarbeit und die Förde-
rung der Selbstpflege der KlientInnen. 
Zentral ist dabei der Aufbau eines 
 breiten lokalen Unterstützungsnetz-
werkes der Pflegekräfte rund um ihre 
KlientInnen, miteinbezogen werden 
deshalb auch SozialarbeiterInnen, Ärz-
tInnen, Angehörige oder auch Nach-
barInnen. Verpflichtende nationale 
Qualitätserhebungen zeigen, dass Bu-
urtzorg auch bei den KlientInnen 
 großen Anklang findet: Es erreicht die 
besten Werte bei den mobilen Versor-
gungsanbietern.
Arbeit 4.0 in der Pflege
Vieles kann auch dank buurtzorgweb 
einfach und effizient erledigt werden: ein 
anwenderInnenfreundliches IT-System, 
das mit den Pflegekräften entwickelt 
wurde. Jede Pflegekraft hat ein Tablet 
und damit Zugriff auf alle für die Arbeit 
relevanten Informationen wie KlientIn-
Gerlinde Hauer
Abteilung Frauen und Familie der 
Arbeiterkammer Wien
Pflege ganzheitlich innovativ
Gute Arbeitsbedingungen, zufriedene KlientInnen und dabei wirtschaftlicher 
arbeiten? Keine Utopie, sondern Realität in einer holländischen Pflegeorganisation.
        

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