5Arbeit&Wirtschaft 8/2016
 
Gesundheit:  
Nur für Wohlhabende? 
A
n apple a day keeps the doctor away 
– wenn man gut zielen kann“, soll 
Winston Churchill einst gesagt 
haben. Nun soll der Verzehr von 
Obst nicht gering geredet werden, im-
merhin ist eine ausgewogene Ernährung 
einer von vielen Faktoren, die zur Ge-
sundheit von Menschen beitragen. Und 
wenn schon alle Prävention nicht hilft, 
so beruft man sich in Österreich gerne 
darauf, das beste Gesundheitssystem der 
Welt zu haben. So schön diese Vorstel-
lung ist, so sehr entpuppt sie sich bei ge-
nauerem Hinsehen als Illusion. 
Auf Kosten der eigenen Gesundheit
So gut das System auch sein mag, es geht 
immer mehr auf Kosten jener Menschen, 
die für die Genesung der Kranken sorgen. 
Diese Aufgabe nehmen sie ernst, so ernst 
sogar, dass es auf Kosten ihrer eigenen 
Gesundheit geht. Großer Druck, weniger 
Ressourcen, mehr Arbeit: Was allen Be-
schäftigten mehr als bekannt ist, ist bei 
den Angehörigen der Gesundheitsberufe 
umso problematischer. Immerhin kann 
es bei ihrer Tätigkeit im wahrsten Sinne 
des Wortes um Leben oder Tod gehen. 
Eine Studie im Auftrag der AK schlägt 
Alarm: Die hohe Qualität der Gesund-
heitsversorgung in Wien und Niederös-
terreich sei bereits gefährdet. Das Fazit: 
Dieser Bereich braucht dringend zusätz-
liche Ressourcen. 
Das leidige Thema Geld also. Es 
wird noch leidiger, wenn man noch ei-
nen anderen Aspekt betrachtet: Die Ver-
teilung. Denn so gerne sich Österreich 
als gerechtes Land wahrnimmt, so wenig 
trifft dies auf die Gesundheit zu. Wer 
mehr verdient, der oder die ist auch ge-
sünder. Es ist also eine Frage des Geldes, 
ob man sich die gute Gesundheit leisten 
kann. 
Einmal mehr entpuppt sich das Bil-
dungssystem als Schlüssel. Denn leider 
wird in Österreich Bildung sehr stark 
weitervererbt. Wenn die Eltern in den 
Genuss höherer Bildung kommen, setzt 
sich das bei den Kindern fort. Bessere 
Bildung wiederum führt durchschnitt-
lich zu einem besseren Einkommen. 
Eben diese soziale Selektivität des öster-
reichischen Bildungssystems findet im 
Gesundheitssystem ihre Fortsetzung, 
weshalb auch Gesundheit oder Krank-
heit „weitervererbt“ werden. Die Schule 
sozial gerechter zu machen, würde also 
auch auf anderen Ebenen mehr Gerech-
tigkeit bringen. Leider aber gehen viele 
politische Verantwortliche nach dem 
Motto „Augen zu, Ohren zu“ mit die-
sem Thema um. 
Augen zu, Ohren zu: Das scheint 
auch das Motto bei einem anderen The-
ma zu sein, der Pflege von älteren Men-
schen nämlich. Im Moment wird diese 
Dank vieler Frauen bewältigt, die aus 
süd- und osteuropäischen Ländern 
kommen. Über kurz oder lang wird sich 
dieses System nicht aufrechterhalten las-
sen – und schon jetzt erscheint es sehr 
problematisch. Man hat sich arrangiert: 
Weil man diesen Frauen weniger zahlen 
kann, scheint niemand ein Interesse da-
ran zu haben, den Bereich zu professio-
nalisieren. Dies hat zur Folge, dass die 
Pflegerinnen in sehr problematische Ab-
hängigkeitsverhältnisse geraten können, 
sei es in den Familien selbst, sei es in 
Bezug auf die Agenturen, die sie vermit-
teln. Zugleich akzeptiert man im Mo-
ment, dass in einer Branche Schein-
selbstständigkeit zum Alltag gehört. 
Wir müssen übers Geld reden!
Wie man es dreht und wendet: Wenn 
Österreich seinem eigenen Anspruch ge-
recht werden möchte, ein gerechtes Land 
zu sein, muss sich dringend etwas ändern. 
Dazu gehört auch, dass wir uns ernsthaft 
über Erbschafts- und Vermögenssteuern 
unterhalten müssen. Denn dass ausge-
rechnet die Einkünfte aus diesen Quellen, 
die an sich schon äußerst ungerecht sind, 
nicht besteuert sind, kann sich Österreich 
schlichtweg nicht mehr leisten. Schon gar 
nicht ist es akzeptabel, dass ausgerechnet 
Vermögende von einem Sozialstaat pro-
fitieren, der von denjenigen finanziert 
wird, die in diesem Land etwas leisten, 
seien sie Arbeitgeber oder Arbeitneh-
merinnen und Arbeitnehmer. 
Standpunkt
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Arbeit&Wirtschaft
        

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