42 Arbeit&Wirtschaft 9/2016
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er Selbstmord des Gemüseverkäu-
fers Mohamed Bouazizi löste 
2011 in Tunesien eine Protestwel-
le gegen das Regime aus. Die In-
ternetaktivistin Lina Ben Mhenni steu-
erte die tunesische Revolution medial mit: 
Sie fotografierte und filmte dort, wo es 
nicht erlaubt war, berichtete über die Pro-
teste, aber auch über die Gewalt, mit der 
die Polizei gegen die tunesische Bevölke-
rung vorging. Ihr Blog „A Tunisian Girl“ 
war eine der wichtigsten Informations-
quellen und Verbreitungskanäle. Für ih-
ren Einsatz wurde sie sogar für den Frie-
densnobelpreis nominiert. Sie war aber 
nicht die einzige Frau vor Ort. Die Frauen 
machten die Hälfte der Demonstran-
tInnen aus. Viele sind überzeugt, dass die 
Revolution ohne sie undenkbar gewesen 
wäre. „Es war natürlich nicht einfach, 
viele hatten Angst vor Repressalien in den 
Betrieben“, sagt Habiba Sobhi. Die tu-
nesische Gewerkschafterin war so gesehen 
an der Basis tätig und versuchte, die Pro-
teste der ArbeitnehmerInnen und der 
Studierenden zusammenzuführen und so 
schlagkräftiger zu machen.
Benachteiligung verhindert
Es war nicht das erste Mal, dass tunesi-
sche Frauen an vorderster Front kämpf-
ten, und es sollte auch nicht das letzte 
Mal gewesen sein. Nach dem Sturz des 
Regimes wollte die neu gewählte En-
nahda-Partei das Personenstandsrecht, 
welches Polygamie untersagt, eine Ver-
stoßung der Frau durch den Ehemann 
verbietet und Scheidungen erlaubt, än-
dern. Und zwar so, dass Frauen und Män-
ner nicht länger gleichgestellt sind. Auch 
hier protestierten die Frauen und verhin-
derten eine Gesetzesänderung. „Wer in 
Tunesien etwas erreichen will, muss pro-
testieren. Ohne Druck geht hier nichts 
weiter“, so Sobhi. Ben Mhenni fügt hin-
zu: „Das muss man sich einmal vorstel-
len. Plötzlich ging es nicht mehr darum, 
für mehr Rechte zu kämpfen, sondern 
bestehende zu verteidigen.“ Zudem be-
klagt die Internetaktivistin, dass die hohe 
Arbeitslosigkeit die junge Generation 
lähmt. Viele junge TunesierInnen, die 
2011 auf der Straße waren, hatten große 
Hoffnungen, fühlen sich aber nun von 
der politischen Klasse verraten und sind 
frustriert.
Obwohl Frauen in Tunesien heute 
im Vergleich zu Männern viel mehr in 
Bildung investieren und seltener die 
Ausbildung abbrechen, sind sie viel häu-
figer arbeitslos. Und diejenigen, die ei-
nen Job haben, verdienen weniger als 
Männer. Nach einer Schwangerschaft 
dürfen sie ein bis zwei Monate – abhän-
gig vom Arbeitgeber – zu Hause beim 
Kind bleiben. „Will eine Mutter einen 
unbezahlten Monat anhängen, wird sie 
sofort gekündigt“, erzählt Gewerkschaf-
terin Sobhi. Arbeitnehmerinnen, die im 
öffentlichen Bereich beschäftigt sind, 
haben die Möglichkeit, in Teilzeit zu ar-
beiten – aber nur, wenn sie drei oder 
mehr Kinder haben. „Frauen haben viele 
Rechte auf dem Papier, in der Realität 
sind diese jedoch nicht umgesetzt“, so 
Ben Mhenni. 
Mikrokredite, um Frauen zu stärken
Damit Frauen in der Gesellschaft und 
der Arbeitswelt integriert werden, müs-
sen die Gesetze zur Gleichberechtigung 
rasch umgesetzt werden, sind die Akti-
vistInnen überzeugt. Neben der Bildung 
ist auch ein Zugang zu Mikrokrediten 
äußerst wichtig, betont Sobhi. Gemein-
sam mit anderen Frauen hat sie daher 
das Projekt „Mikrokredit“ ins Leben ge-
rufen. „Frauen haben gute Ideen, aber 
ihnen fehlen die finanziellen Mittel. In 
ihren Vorhaben unterstützen wir sie mit 
Mikrokrediten, die sie nicht zurückzah-
len müssen“, erzählt sie. Sie räumt ein, 
dass damit keine großen Gewinne ge-
macht werden können, auf jeden Fall 
aber kleine, um die Familie ernähren zu 
können. Auf diese Weise sollen Frauen 
ermutigt werden, für sich selbst zu sor-
gen und unabhängig zu leben. Mikro-
kredite bieten aber auch jungen Men-
schen die Möglichkeit, Unternehmen zu 
gründen. „So entstehen neue Arbeits-
plätze und die Wirtschaft wird angekur-
belt“, sagt Sobhi.         (Amela Muratovic) 
Weitere Infos finden Sie unter:  
www.weltumspannend-arbeiten.at
„Ohne Druck funktioniert nichts“
Trotz Revolution im Jahr 2011 ist der Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit für 
Frauen in Tunesien noch lange nicht zu Ende. 
Die Internetaktivistin Lina Ben Mhenni 
steuerte die tunesische Revolution 
medial mit. Ihr Blog „A Tunisian Girl“ 
war eine der wichtigsten Informations-
quellen und Verbreitungskanäle.
        

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