Full text: Was der alles kann! (6)

14 Arbeit&Wirtschaft 6/2017
V
iele Jahre war vom „Weltmeister 
Österreich“ in der Familienpolitik 
die Rede. Ein internationales Vor­
bild sei das Land. Liest man die 
Presseaussendungen mancher Familien­
verbände heute, klingt es allerdings, als 
hätte eine brutale Vertreibung aus dem 
Familienparadies stattgefunden. Wurde 
die Alpenrepublik etwa im Länderver­
gleich abgehängt? Die Antwort auf 
die Frage ist kein simples Ja oder Nein. 
Wie so oft zeigt sich die Wirklichkeit 
 facettenreich.
Geld oder Leistung?
Familienpolitik bedient sich unterschied­
licher Mittel. Sie kann Familien unter­
stützen, indem sie wichtige Leistungen 
bereitstellt, etwa kostengünstige Kin­
derbetreuung oder Gesundheitsversor­
gung von Familienmitgliedern. Sie kann 
Familien auch bestimmte Rechte ein­
räumen wie das Anrecht auf Eltern ­ 
karenz oder Pflegeurlaub. Und sie kann 
Fami lien schlicht und einfach Geld 
 geben: entweder als direkte Geldleistung 
– kurz Transfer – gewissermaßen bar 
auf die Kralle. Oder indirekt als Steuer­
kürzung.
In der Regel bedienen sich alle euro­
päischen Länder eines Mix dieser Mög­
lichkeiten – allerdings mit sehr unter­
schiedlichen Gewichtungen. Die jewei­
lige Betonung variiert je nach ideologi­
scher Ausrichtung der bestimmenden 
politischen Kräfte. So setzen die skandi­
navischen Staaten aufgrund einer Poli­
tik der Chancengleichheit schon seit 
Langem vorrangig auf hochqualitative 
und exzellent ausgebaute Kinderbetreu­
ung. In Deutschland spielen hingegen 
konservative Vorstellungen von Familie 
noch immer eine große Rolle. Dement­
sprechend haben hier steuerliche Maß­
nahmen – vor allem das „Ehegattensplit-
ting“ – großes Gewicht. Damit werden 
vor allem Paare mit einer traditionellen 
Arbeitsteilung gefördert. 
Bei Kinderbetreuung abgehängt
Um die familienpolitische Großzügig­ 
keit und den Politik­Mix besser ein­
ordnen zu können, lohnt sich ein Blick 
auf emotionslose Zahlen. Im Vergleich 
zu anderen Staaten war Österreich 
 gemessen an der Wirtschaftsleistung 
 lange Zeit besonders großzügig in Sachen 
Familienleistungen. Diesen Spitzenplatz 
hat es in den letzten Jahren verloren. Hat 
die Alpenrepublik im OECD­Vergleich 
im Jahr 1980 (nach Schweden) noch 
am zweitmeisten für Familien ausge­
geben, liegt sie aktuell nur auf Platz 10. 
Wie konnte das passieren? Ein näherer 
Blick zeigt: Österreich wurde bei der 
„Elementarbildung“ – vulgo Kinder­
betreuung – abgehängt.
In diesem Bereich gab es nämlich 
eine extrem dynamische Entwicklung. 
Lag Österreich 1980 bei den Ausgaben 
für Kinderbetreuung noch auf Platz 6, 
rasselte es bis 2008 auf Platz 25 hinun­
ter. Danach wurden die Auswirkungen 
verstärkter Investitionen durch den 
Bund sichtbar, womit das kleine Land 
an der Donau wieder an die 13. Stelle 
kletterte. Insgesamt haben sich die Aus­
gaben für Kinderbetreuung seit 1980 in 
Österreich zwar verdoppelt, in anderen 
Ländern stiegen sie aber wesentlich stär­
ker: in Deutschland um das Vierfache, 
in Frankreich um das Fünffache, in Ita­
lien und Belgien um das Siebenfache, in 
Irland um das 17­Fache und in Spanien 
gar um das 29­Fache – in den letzteren 
beiden allerdings ausgehend von einem 
sehr niedrigen Niveau.
Alle genannten Staaten lagen 1980 
hinter Österreich und haben uns mitt­
lerweile deutlich überholt. Kein Wun­
der, liegen die Ausgaben für Kinderbil­
dung mit 0,65 Prozent am BIP hierzu­
lande noch immer weit unter dem 
OECD­Durchschnitt von 0,93 Pro­
zent. Das alpine Land hat also eindeutig 
in der Kinderbetreuung und ­bildung 
den internationalen Anschluss verloren. 
Geld fürs Daheimbleiben?
Betrachtet man nur die Geldleistungen 
für Familien, büßte Österreich zwar ei­
nige Plätze seit 1980 ein, liegt aber im­
mer noch unter den besten Staaten. Aber 
auch hier gibt es eine breite Palette an 
Möglichkeiten, wie diese ausgestaltet 
sind und welche Anreize damit gesetzt 
werden. Zentral ist dabei unter anderem 
die Frage, ob das lange Zuhausebleiben 
eines Elternteils – klassischerweise der 
Mutter – gefördert wird oder ob eine 
partnerschaftliche Teilung der Familien­
arbeit unterstützt wird.
Das lässt sich gut am Kinderbetreu­
ungsgeld – kurz KBG – illustrieren. 
Dieses ist nach der Familienbeihilfe die 
zweitwichtigste Geldleistung für Fami­
lien in Österreich. Rund 1,3 Milliarden 
Weltmeister oder Totalversager?
Erst internationales Vorbild, dann Vertreibung aus dem Familienparadies:  
die österreichische Familienpolitik im EU-Vergleich. 
Sybille Pirklbauer
AK Wien Frauen und Familien
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.