Full text: Was der alles kann! (6)

F
reiheit“ war und ist ein Kampf­
begriff. Unter Freiheit haben Men­
schen immer schon Unterschied­
liches verstanden und bisweilen 
diametrale Anliegen legitimiert. 
Wenn man die derzeitigen Debatten 
in den USA über das Gesundheits system 
verfolgt, werden die Bruchlinien des Be­
griffs  deutlich: Auf der einen Seite Ba­
rack  Obama, der mit seiner Gesundheits­
reform für Millionen von Menschen 
 Sicherheit im Krankheitsfall geschaffen 
und sie damit von existenziellen Gefah­
ren befreit hat. 
Auf der anderen Seite Trump und 
die Republikaner, die diese Sicherheit 
nun wieder abschaffen, um den Men­
schen die Entscheidungsfreiheit zu ge­
ben, ob und wo sie krankenver sichert 
sind – mit dem Haken, dass viele diese 
Freiheit aus finanziellen Gründen nicht 
nutzen können. 
Praktisch nutzbare Möglichkeit
Es ist das Ringen zwischen einer no­
minellen Freiheit, die als theoretische 
 Chance im Raum steht, und einer tat­
sächlichen Freiheit, die als praktisch nutz­
bare Möglichkeit ergriffen werden kann. 
Je mehr Sicherheiten man genießt, desto 
mehr Möglichkeiten entstehen für die 
Menschen. Sicherheit erhöht die Frei­
heitsgrade. 
Europäische und österreichische Ge­
werkschaften haben sich immer dafür 
eingesetzt, die realen Entscheidungs­
möglichkeiten der Menschen zu erwei­
tern, indem kollektive Sicherheiten ent­
wickelt wurden. Die Gewerkschaften 
haben gekämpft, um den Menschen die 
Ängste vor Krankheit, Unfall, Einkom­
mens losigkeit und Armut im Alter zu 
nehmen. So wurde die Sozialversiche­
rung erstritten.
Nur angstfrei wirklich frei
Auch Kinderbetreuungseinrichtungen 
mussten erkämpft werden, um besonders 
Frauen die Möglichkeit zu geben, am Ar­
beitsleben teilnehmen zu können und 
damit ökonomische Autonomie zu erlan­
gen. Das hat der Befreiung, der Emanzi­
pation der Frauen einen kräftigen Schub 
gegeben. Letztlich kann nur eine angst­
freie Gesellschaft frei sein. Das hat Ös­
terreich in seiner Geschichte deutlich 
spüren müssen. Gerade Zeiten der Ver­
ängstigung haben die Republik in den 
Niedergang geführt.
Heute entstehen mit neuen Arbeits­
bedingungen neue Risiken und mögli­
che Ängste. So sind Neue Selbstständige 
im Krankheitsfall von Armut bedroht, 
und Menschen, die über Crowdwor­
king­Plattformen Aufträge finden, gar 
nicht von unseren Sicherungssystemen 
erfasst. Es ist unsere Aufgabe, diesen 
neuen Risiken weitere kollektive Sicher­
heiten entgegenzusetzen. Davon hängt 
weit mehr als unser Sozialstaat ab. Be­
reits Johann Böhm hat die soziale Sicher­
heit, das „Vermögen des kleinen Man­
nes“, immer schon als integralen Be­
standteil unserer Demokratie betrach­
tet. Ohne sie hängt Demokratie an 
einem seidenen Faden. Dieser Gedanke 
bekommt durch die neue autoritäre 
Rechte im Westen sowie durch den 
 Brexit neue Bedeutung.
Unser neuer Auftrag ist es daher, so­
ziale Sicherheiten nicht mehr nur natio­
nal, sondern im europäischen Rahmen 
in den Vordergrund zu stellen. Wenn 
ArbeitnehmerInnen durch die Konkur­
renz aus Billiglohnländern gefährdet 
sind, wenn Lohndumping nur mehr 
grenzüberschreitend bekämpft werden 
kann, wenn es internationale Spielregeln 
braucht, um digitale Arbeitsmodelle zu 
erfassen, dann darf auch der kollektive 
Schutz nicht mehr an der nationalen 
Grenze haltmachen. 
Deshalb ist es wichtig, dass die Ge­
werkschaften in der Lage sind, kollek­
tive Sicherheiten grenzüberschreitend 
durchzusetzen. Gleicher Lohn für glei­
che Leistung am gleichen Ort: Das ist 
die zentrale Forderung, die wir mit 
 Leben erfüllen müssen.
Seien wir kreativ!
Nutzen wir unser kreatives Potenzial, um 
den aktuellen Risiken, die man als 
Mensch, KonsumentIn oder als Arbeit­
nehmerIn trägt, kollektive Sicherheiten 
entgegenzusetzen und neue zu entwi­
ckeln. Davon hängt unser Gesellschafts­
system ab.
Nur gemeinsam sind wir frei
Nicht zuletzt
von
Sozialminister Alois Stöger
Bundesministerium für Arbeit, Soziales 
und Konsumentenschutz 
43
©
 Ö
GB
-V
er
la
g/
M
ic
ha
el
 M
az
oh
l
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.