Full text: Work in Regress (2)

16 Arbeit&Wirtschaft 2/2018
©
 Ö
GB
-V
er
la
g/
M
ic
ha
el
 M
az
oh
l
Ablenkungsmanöver
Die Abschaffung der Notstandshilfe trifft die Mittelschicht mit voller Wucht – und 
sie verschiebt den Blick weg von einer Vermögenssteuer für die Superreichen. 
 
D
ie meisten Arbeitslosen sind ver­
mögensarm: Die Hälfte besitzt 
weniger als 2.200 Euro Nettover­
mögen. Diese Maßnahme hat al­
lerdings große Auswirkungen auf die Mit­
telschicht. Sie trifft jene, die das Pech 
hatten, nach dem Jobverlust etwa wegen 
ihres Alters keinen Arbeitsplatz zu finden, 
aber vielleicht am Land ein bescheidenes 
Eigenheim aufgebaut haben. Die Über­
legung, diesen noch etwas wegzunehmen, 
verschiebt den Blick weg von einer Ver­
mögenssteuer für die Superreichen hin 
zu Menschen mit einem Notgroschen 
oder einem Auto.
Notwendigste materielle Absicherung
Doch zunächst einmal einen Schritt zu­
rück. Die Streichung der Notstandshilfe 
bedeutet, dass Betroffene zunächst ihr 
Vermögen bis zu rund 4.000 Euro auf­
brauchen müssen, um die Mindestsiche­
rung als letzten Rettungsring in Anspruch 
nehmen zu können. Die Daten zeigen 
eindeutig: Der Großteil der Arbeitslosen 
kann privat nur auf die notwendigste ma­
terielle Absicherung zurückgreifen. Wenn 
etwas Vermögen vorhanden ist, handelt 
es sich oft um ein Eigenheim. Eigenhei­
me in „angemessener“ Größe müssen 
zwar nicht verkauft werden, aber die Be­
hörde kann sich bei Bezug der Mindest­
sicherung ins Grundbuch eintragen las­
sen. Selbst wenn die Person mit Mindest­
sicherungsbezug dann wieder eine Arbeit 
findet, bleibt die Grundbuchseintragung 
weiter bestehen. Wird das Haus oder die 
Wohnung vererbt bzw. verkauft, holt sich 
die öffentliche Hand das ausbezahlte 
Geld zurück – das Vermögen wird also 
um den Betrag der Mindestsicherung 
„besteuert“. 
Für Fragen zu Vermögen ist die Ver­
mögenserhebung HFCS der Österreichi­
schen Nationalbank die beste Quelle. 
Sie ist die umfassendste Haushaltsbefra­
gung zur Finanzlage und zum Konsum­
verhalten von Haushalten. 
Vermögensarme Mehrheit
2014 wurden penibel die Vermögenswer­
te von österreichischen Haushalten erho­
ben. Bei den folgenden Berechnungen 
gelten jene Haushalte als arbeitslos, deren 
Referenzperson (mit der das Interview 
durchgeführt wurde) arbeitslos ist. Aller­
dings sind die Ergebnisse aufgrund der 
niedrigen Fallzahl mit großer Vorsicht zu 
interpretieren. Und doch lässt sich Fol­
gendes sagen: Die meisten arbeitslosen 
Haushalte sind vermögensarm. Die Hälf­
te der arbeitslosen Haushalte hat weniger 
als 2.200 Euro Nettovermögen (Sachver­
mögen plus Finanzvermögen minus 
Schulden). Sie gehören damit zu den 
ärmsten in Österreich. Denn dieses Ver­
mögen ist viel geringer als jenes der Ge­
samtbevölkerung, deren mittlerer Haus­
halt gut 85.000 Euro besitzt. 
Auch beim Durchschnitt zeigt sich 
diese Schieflage: Das durchschnittliche 
Nettovermögen von arbeitslosen Haus­
halten beträgt rund 40.000 Euro und ist 
damit weit geringer als das Durch­
schnittsvermögen aller österreichischen 
Haushalte, das bei etwa 260.000 Euro 
liegt. Weil die große Mehrheit der Ar­
beitslosen kaum Vermögen besitzt, 
wohnt sie meist zur Miete. Weniger als 
die Hälfte hat ein Auto, und wenn eines 
vorhanden ist, so ist dieses im Schnitt 
6.000 Euro wert. Auch das Finanzver­
mögen ist sehr gering: Die Hälfte der 
Arbeitslosen konnte weniger als 1.100 
Euro als Notgroschen zur Seite legen.  
Was Langzeitarbeitslose betrifft, fin­
den sich im Mikrozensus der Statistik 
Austria aufschlussreiche Daten. Dem­
nach besitzen rund 20.000 Langzeitar­
beitslose ein Haus oder eine Wohnung. 
Von allen Arbeitslosen (die also sowohl 
kürzer als auch länger als ein Jahr arbeits­
los sind) wohnen laut Mikrozensus nur 
etwa 27 Prozent im Eigentum. Das heißt, 
bei den meisten Langzeitarbeitslosen ist 
kaum etwas zu holen. Aber dort, wo die 
Mindestsicherung greift, trifft es die Mit­
telschicht, die durchaus etwas Vermögen 
aufgebaut hat. Dieses besteht hauptsäch­
lich aus einem Eigenheim, das mit zwei 
Dritteln den Löwenanteil des Nettover­
mögens der Arbeitslosen ausmacht. 
Langzeitarbeitslose betroffen
Die Streichung der Notstandshilfe trifft 
zudem Menschen, die das Pech hatten, 
ihren Arbeitsplatz zu verlieren und nicht 
innerhalb eines Jahres einen neuen zu 
finden – das sind die Langzeitarbeitslo­
sen. Besonders über 50­Jährige sind da­
von oft betroffen, gerade in ländlichen 
Regionen. Diese Gruppe hat auch am 
ehesten bereits ein bescheidenes, abbe­
zahltes Eigenheim, ein Auto, um mobil 
zu sein, und ein Sparbuch für unerwar­
tete Reparaturen. 
Matthias Schnetzer, Miriam Rehm
Abteilung Wirtschaftswissenschaft  
der AK Wien
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.