Full text: Work in Regress (2)

Arbeit&Wirtschaft 2/2018 5
Selber 
 Durchschummler!
E
s ist das neue Unwort, in seiner 
Form passend zur neuen Regie­
rung, die sich so sehr darum be­
müht, das Heft der (freilich nur 
positiven) Kommunikation in der Hand 
zu halten. Deshalb nimmt man auch nicht 
mehr das hässliche Wort „Sozialschma­
rotzer“ in den Mund. Vielmehr spricht 
man von „Durchschummlern“. 
Bloß um die Definition, wer denn 
diese nun genau sind, hat sich die Re­
gierung selbst durchgeschummelt. Aus 
dem bisher Gesagten lässt sich schlie­
ßen, dass in diese Kategorie etwa jene 
fallen, die erst kurz in das System ein­
bezahlt haben. Bei ihnen will man auf 
das Vermögen zugreifen. Nur woher 
sollen sie dieses Vermögen haben, wenn 
sie erst kurz so viel verdienen, dass sie 
überhaupt Steuern und Sozialabgaben 
zahlen? 
Herzlich wenig zu holen
Wie dem auch sei, sollten sie es geerbt 
haben, könnte man argumentieren, dass 
im Grunde wenig dagegenspricht, dass 
sie es vorher aufbrauchen, bevor sie So­
zialleistungen beziehen. Ein Blick in die 
Statistik aber zeigt, dass es mit dem Ver­
mögen bei Arbeitslosen nicht weit her ist 
– und von daher auch herzlich wenig zu 
holen ist, das einen so radikalen System­
bruch legitimieren würde, wie es die Ab­
schaffung der Notstandshilfe wäre. 
Sinnvoller wäre jedenfalls, über Ver­
mögens­ und insbesondere Erbschafts­
steuern zu sprechen. Immerhin ließen 
sich dort dringend notwendige Finanz­
mittel lukrieren, um den Sozialstaat 
nachhaltig abzusichern; um ein Pflege­
system zu entwickeln, das nicht auf der 
Ausbeutung von MigrantInnen beruht; 
oder aber um Frauen tatsächlich Wahl­
freiheit zu ermöglichen. Vor allem aber 
ließen sich wertvolle Maßnahmen für 
Arbeitslose finanzieren. Genau hier aber 
plant die Regierung weitere Kürzungen 
– und auch hier schummelt sie sich 
durch. Das größte Problem sei, dass 
Menschen nicht arbeiten wollten, so die 
Behauptung der Regierungsparteien. 
Die Lösung: mehr Sanktionen. 
Dabei gibt es aus der Forschung kei­
ne Evidenz, dass Sanktionen wirklich 
dazu führen, dass Menschen schneller 
wieder Arbeit finden. Das Beispiel 
Deutschland zeigt zudem eindrücklich, 
dass man mit der Abschaffung der Not­
standshilfe das genaue Gegenteil dessen 
erreicht, was als Ziel lautstark verkündet 
wird, nämlich die Arbeitslosigkeit zu be­
kämpfen. Vielmehr nimmt man damit 
Menschen, die schon im Regen stehen, 
sogar noch den Regenschirm weg. 
Interessant in diesem Zusammen­
hang sind die Ergebnisse einer Unter­
suchung, die das Forschungsinstitut 
 FORBA über Langzeitarbeitslose ge­
macht hat.  „Die wichtigsten Faktoren, 
die eine Arbeitsaufnahme beeinflussen, 
sind einerseits die Dauer der Arbeitslo­
sigkeit selbst; die psychische Stabilität, 
die sich wiederum in einem ausgepräg­
ten Selbstwertgefühl ausdrückt; ein gu­
ter körperlicher Gesundheitszustand; 
eine notwendige berufliche Neuorien­
tierung und die dafür benötigten Qua­
lifizierungsmaßnahmen; eingeschlage­
ne Bewerbungsstrategien und die Un­
terstützung durch das AMS.“ 
Völlig kontraproduktiv
Liest man sich die Ergebnisse durch, so 
ist das Regierungsrezept „Disziplinie­
rung“ völlig kontraproduktiv. Denn es 
lässt Vorurteile aufkochen – und eben 
diese Vorurteile behindern bei der Arbeit­
suche. Sind Arbeitslose nämlich  davon 
überzeugt, dass nicht sie selbst dafür ver­
antwortlich sind, dass sie keine Arbeit 
finden, sondern die Struktur, so haben 
sie deutlich bessere Chancen am Arbeits­
markt als Menschen, die die Ursache bei 
sich selbst suchen. 
Und es ist in der Tat die Struktur, die 
verantwortlich ist, denn es gibt schlicht­
weg nicht genügend Arbeitsplätze. 
Nicht nur in den Ohren vieler (Lang­
zeit­)Arbeitsloser muss es daher zynisch 
klingen, wenn ihnen unterstellt wird, sie 
seien einfach arbeitsunwillig – wo die 
meisten von ihnen nichts lieber tun 
würden als arbeiten. 
Standpunkt
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Arbeit&Wirtschaft
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.