Full text: Überall ist digital (5)

Arbeit&Wirtschaft 5/2018 5
Bitte mehr Wagemut!
E
ine rund 70-jährige Nachbarin 
meinte kürzlich zu meiner gleich-
altrigen Mutter: „Wie sich die Ar-
beitswelt, aber auch die private 
Welt geändert hat, seitdem wir zu arbei-
ten begonnen haben und welche Tech-
niken wir uns seither aneignen mussten 
...“ Das ist in dem Zeithorizont von et-
was mehr als 40 Jahren in der Tat eine 
ganze Menge. Erst wenn ich mitbekom-
me, wie schwer sich manche Altersgenos-
sInnen meiner Mutter mit Computern 
und dem Internet tun, ziehe ich meinen 
Hut vor Ehrfurcht, mit wie viel Wage-
mut sie sich an die verschiedenen neuen 
Technologien heranwagen. 
Viel Wagemut braucht es momentan 
auch, wenn man den technischen Wan-
del im Sinne der Menschen gestalten 
möchte. Und doch ist es schlichtweg 
eine Notwendigkeit, dagegenzuhalten. 
Immerhin stehen die Chancen der Men-
schen auf dem Spiel. 
Energisch für Leistung
Schon seit Jahren hinterlässt auch die Di-
gitalisierung ihre Spuren am Arbeits-
markt. Doch statt damit zu beginnen, die 
jungen Menschen für die weiteren Ent-
wicklungen fit zu machen, macht die Re-
gierung in Sachen Bildung eine Retro-
Politik, die bestehende Ungleichheiten 
noch weiter verstärkt. Auch wenn ich es 
an dieser Stelle bereits öfter geschrieben 
habe, werde ich nicht müde, es immer 
wieder zu wiederholen: Österreich hat 
eines der am stärksten sozial selektieren-
den Bildungssysteme Europas. Statt dem 
energisch entgegenzuwirken, hält die Re-
gierung am Status quo fest. 
Rund um den Tag der Arbeit widme-
ten sich mehrere Medien dem ema 
„Zukunft der Arbeit“. Eine häufig ge-
stellte Frage: Kommt mit der Digitalisie-
rung das Ende der Arbeit? Diese Frage-
stellung aber ist falsch, suggeriert sie 
doch, dass es momentan genug Arbeit 
gäbe. Dem ist aber bei Weitem nicht so, 
sondern vielmehr gibt es eine enorme 
Lücke, die zusätzlich Beschäftigte be-
trifft, die es ohnehin schon schwer am 
Arbeitsmarkt haben. 
Doch statt dies zum Anlass zu neh-
men, um einen Blick in die weitere Zu-
kunft zu richten, hat die Regierung nur 
zwei Antworten parat: Die Arbeitslosen 
seien zu faul und zu viele MigrantInnen 
würden in den Sozialstaat zuwandern 
wollen. Die Lösung: Druck erhöhen, 
Grenzen schließen. Es hat zwar ange-
sichts der ideologischen Verfasstheit die-
ser Koalition durchaus eine gewisse Lo-
gik, kommt jedoch geradezu einer Reali-
tätsverweigerung gleich. Immerhin hin-
terlässt die Globalisierung nicht jetzt erst 
ihre Spuren, und es ist längst klar, dass 
sich viele Dinge nur auf europäischer 
oder gar internationaler Ebene über-
haupt noch regulieren lassen. 
Es steht zu befürchten, dass die Digi-
talisierung noch weitere Beschäftigten-
gruppen in die Arbeitslosigkeit führen 
wird. Freilich wird sie auch neue Arbeits-
plätze schaffen, doch nicht alle Beschäf-
tigten werden so einfach umgeschult 
werden können. Doch statt erfolgreiche 
Maßnahmen wie die Aktion 20.000 wei-
terzuführen, wird sie abgedreht, ganz zu 
schweigen davon, dass man noch eine 
ganze Reihe neuer Konzepte wird entwi-
ckeln müssen. 
Bremsen ziehen
Auch die zukünftige Finanzierung des 
Wohlfahrtsstaates – die beste Absicherung 
gegen Krisen, wie das Wirtschaftsfor-
schungsinstitut WIFO kürzlich bestätigt 
hat – muss mutig angegangen werden. 
Diese steht nämlich auf wackeligen Bei-
nen, wenn jene Form der Digitalisierung, 
wie sie momentan in der Wirtschaft voll-
zogen wird, ungebremst weitergeht. Denn 
woher sollen die finanziellen Mittel für 
ein gutes Bildungssystem herkommen, 
das die jungen Menschen fit für den Ar-
beitsmarkt 4.0 macht oder für eine Ar-
beitsmarktpolitik, die die Folgen des 
Wandels abfedert? Dies macht die Frage 
um Vermögenssteuern umso relevanter. 
Dazu kommt die Frage, wie die Erträge 
aus den Gewinnen der Digitalisierung fair 
verteilt werden können, sodass alle an die-
sem Wohlstand teilhaben können. 
Standpunkt
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Arbeit&Wirtschaft
        

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