13Arbeit&Wirtschaft 9/2018
und nicht die Studenten bauten die Bar­
rikaden, die dem alten Regime Wider­
standsbereitschaft signalisierten. Aber sie 
wurden betrogen. Die Arbeiter (von 
Frauenwahlrecht war noch lange keine 
Rede) erhielten zwar das Recht, ihre Stim­
me abzugeben. Aber sie durften keine ei­
genen Kandidaten nominieren. Zudem 
wurde die Wahl so organisiert, dass sie 
praktisch keine Chance hatten, ihre Stim­
me abzugeben. 
Die ArbeiterInnen des Revolutions­
jahres werden oft als wilder Haufen dar­
gestellt, noch unfähig, sich zu organisie­
ren. Das Urteil von Karl Marx nach sei­
nem Wienbesuch im August und Sep­
tember 1848, das Proletariat sei hier noch 
nicht reif für die Revolution, trug sicher 
zu diesem Image bei. Es stimmt, dass die 
Mitglieder des revolutionären „Ersten all­
gemeinen Arbeitervereins“ mit dem Vor­
trag von Marx über „Lohnarbeit und Ka­
pital“ wenig anfangen konnten. Aber sie 
konnten sich sehr wohl organisieren. 
Selbst die „MaschinenstürmerInnen“ der 
ersten Revolutionsphase wählten Spre­
cher, die sie gegenüber Fabrikherren und 
Bürgermeistern vertraten, und viele Be­
rufsgruppen schlossen sich zusammen, 
um ihre soziale Lage zu verbessern.
10-Stunden-Tag
Die tausend Maschinenarbeiter der 
Wien­Gloggnitz­Eisenbahngesellschaft, 
die „Kerntruppe der Demokratie“ in den 
Mai­ und Oktoberkämpfen, erreichten 
vor den ArbeiterInnen vieler anderer 
Branchen den Zehnstundentag. 
Die Maurer setzten neben einer 
Lohnerhöhung auch die Verwaltung ih­
rer Bruderlade ohne Einmischung der 
Unternehmer durch. Die Buchdrucker 
erreichten schon einen Kollektivvertrag 
für das ganze Kaiserreich und die Lehr­
linge das Erlassen der Schulgebühren. 
Das sind nur wenige Beispiele von vie­
len Erfolgen durch solidarischen Zu­
sammenschluss. Im Jahr 1848 beginnt 
die Geschichte der modernen österrei­
chischen Gewerkschaftsbewegung.
Als immer mehr BürgerInnen der 
Revolution den Rücken kehrten, das 
kaiserliche Regime beschloss, das demo­
kratische Experiment mit Gewalt zu be­
enden und der Wiener Gemeinderat die 
VerteidigerInnen im Stich ließ, war das 
Ende abzusehen. Die Reihen der Vertei­
digerInnen hatten sich außerdem stark 
gelichtet: In der Nationalgarde waren 
nur mehr die ärmeren Bürger verblie­
ben, die „Akademische Legion“, die im 
Frühjahr noch 6.000 Mann zählte, war 
auf 900 Mann geschrumpft. 
Die Hauptlast des blutigen Abwehr­
kampfs lag auf den ArbeiterInnen, die 
auch durch übergelaufene kaiserliche 
Soldaten unterstützt wurden. Ein Au­
genzeuge erinnerte sich an einen Arbei­
ter, der nach der Niederlage „blass und 
verwundet die Alserstraße herabkam“ 
und murmelte: „Es ist alles umsonst, wir 
sind wieder verraten und verkauft.“
Einschüchterungsterror
Die Rache der Sieger war grausam, doch 
der Einschüchterungsterror funktionier­
te nicht vollständig. Während der folgen­
den Jahre kam es immer wieder zu – wie­
der verbotenen – Streiks für bessere Löh­
ne und Arbeitsbedingungen. Das eben­
falls verbotene Gedenken an die Opfer 
der Revolution lebte trotz Strafdrohung 
im Untergrund weiter. Es wurde später 
nur mehr von der jungen ArbeiterInnen­
bewegung hochgehalten, sie machte die 
Märzfeiern zu ihrem größten Feiertag. 
Adelheid Popp, die Pionierin der politi­
schen und gewerkschaftlichen Organisa­
tion der Arbeiterinnen, beschrieb, wie 
viele Gefühle und Hoffnungen bei diesen 
Feiern mitschwangen: „Auch wenn es 
vorkam, wie beispielweise 1893, dass man 
auf dem weiten Weg über die Simmerin­
ger Hauptstraße Schneemassen und Eis­
schollen zu überwinden hatte und wenn 
der Wind eisig tobte, man ließ sich nicht 
zurückhalten, bei dem Märzgefallenen­
Obelisk zu erscheinen und mit zu gelo­
ben, die Ideale, für welche die unter dem 
Obelisk Begrabenen ihr Leben gelassen, 
weiter zu pflegen und in Ehren zu halten.“
Nicht umsonst berief sich die provi­
sorische Nationalversammlung 1918 
auf diese Ideale: politische und soziale 
Gleichberechtigung aller BürgerInnen.
Literaturtipp:
Wolfgang Häusler 
„Von der Massenarmut zur Arbeiterbewegung“
Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin
brigitte.pellar@aon.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
Im Mai 1848, als sie die Revolution wieder einmal gerettet hatten,  
versammelten sich die ArbeiterInnen vor dem Stephansdom und proklamierten: 
„Ihr nennt uns Gesindel, wir nennen uns von jetzt an Bürger.“
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