14 Arbeit&Wirtschaft 9/2018
E
s ist bald genau 100 Jahre her, dass 
sich Gewerkschaften über einen 
bahnbrechenden Erfolg freuen 
konnten. Am 19. Dezember 1918 
beschloss die provisorische National­
versammlung der Republik Deutsch­
Österreich das Gesetz „über die Einfüh­
rung des achtstündigen Arbeitstages in 
fabrikmäßig betriebenen Gewerbeunter­
nehmungen“. Ein enormer Fortschritt, 
wenn auch nur für die Industriearbeite­
rInnen, für die seit 1885 der Elfstunden­
tag die Regel war. Für die Mehrheit der 
ArbeitnehmerInnen galt noch immer die 
6­Tage­Woche mit höchstens durch 
Kollektivverträge begrenzter Tagesar­
beitszeit. Der erste gesetzliche Normal­
arbeitstag von acht Stunden mit kürze­
ren Arbeitszeiten für Frauen und Jugend­
liche war ein eindeutiges sozialpoliti­
sches Signal.
Kompromiss
Das Gesetz war ein Kompromiss, ausge­
handelt im „Industriekomitee“, dem Gre­
mium, in dem Vertreter des „Hauptver­
bands der Industrie“, der „Reichskom­
mission der Freien Gewerkschaften“ und 
der Staatsregierung das Krisenmanage­
ment in der Übergangsphase von der Mo­
narchie zur Republik koordinierten. 
Angesichts der Mehrheitsverhältnis­
se im Übergangsparlament konnte vor­
erst nicht mehr erreicht werden – selbst 
die kürzere Arbeitswoche für Frauen 
und Jugendliche war nur nach sehr zä­
hen Verhandlungen durchzusetzen. Die 
von der provisorischen Nationalver­
sammlung beschlossenen Gesetze waren 
so provisorisch wie sie selbst. Es sollte der 
am 16. Februar 1919 gewählten konsti­
tuierenden Nationalversammlung, der 
ersten wirklich demokratisch von Män­
nern und Frauen gewählten Volksvertre­
tung Österreichs, vorbehalten bleiben, 
unbefristet geltendes Recht zu schaffen. 
Die WählerInnen machten die sozi­
aldemokratische Vereinigung mit ihrem 
starken Gewerkschaftsflügel zur stärks­
ten Einzelfraktion, aber Christlichsozia­
le und Großdeutsche, bei denen die In­
teressen der Arbeitgeberseite dominier­
ten, behielten zusammen die Mehrheit.
Bessere Chancen
Als die Republik nach dem Friedensver-
trag von St. Germain ab September 1919 
nur mehr „Österreich“ hieß und die Sie­
ger des Ersten Weltkriegs einen An­
schluss an die deutsche Republik verbo­
ten hatten, verließen die Großdeutschen 
die Koalition. Gleichzeitig erhielt der 
kleine ArbeitnehmerInnenflügel in der 
christlichsozialen Fraktion für kurze Zeit 
mehr Gewicht. 
Außerdem wurde Österreich nach 
dem Friedensvertrag Mitglied der ILO, 
der Internationalen Arbeitsorganisation. 
Die ILO­Konferenz von Washington 
beschloss im November 1919 ein Über­
einkommen „über die Begrenzung der 
Arbeitszeit auf acht Stunden täglich und 
achtundvierzig Stunden wöchentlich“. 
Unter diesen Bedingungen stiegen die 
Chancen, ein neues Gesetz zur Arbeits­
zeitverkürzung zu beschließen, wenn 
auch der Verabschiedung durch die Na­
tionalversammlung heftige Auseinan­
dersetzungen vorangingen. Die Kritik 
kam vor allem von der großdeutschen 
Opposition und hier besonders von den 
Industriellen, die mittlerweile jeden so­
zialpartnerschaftlichen Interessenaus­
gleich ablehnten. Industriellenchef Vik­
tor Wutte hielt statt einer Arbeitszeitver­
kürzung eine Arbeitszeitverlängerung 
für angemessen. Die ArbeiterInnen wür­
den ohnehin zu viel feiern, meinte er. 
Die neuen Staatsfeiertage, der Republik­
tag am 12. November und der 1. Mai, 
seien höchst überflüssig. 
Wuttes Fraktionskollege Leopold 
Stocker forderte sogar die Einführung 
von  Zwangsarbeit in Krisenzeiten. Trotz 
dieser und anderer Widerstände be­
schloss die konstituierende Nationalver­
sammlung am 17. Dezember 1919 das 
Gesetz, das den Achtstundentag und 
den freien Samstagnachmittag für Frau­
en und Jugendliche in (fast) allen Wirt­
schaftszweigen und Betriebsformen au­
ßerhalb der Landwirtschaft ab Juli 1920 
einführte. 
Riegel vorgeschoben
Als Kaufpreis für die weitreichende Ar­
beitszeitverkürzung mussten zahlreiche 
Ausnahmebestimmungen im Gesetz 
selbst und durch Sonderverordnungen 
zugestanden werden. Allerdings schob die 
Bestimmung, dass die Ausnahmeverord­
nungen in einer paritätischen Kommis­
sion von Gewerkschafts­ und Arbeitge­
bervertretern verhandelt werden muss­
ten, einem kompletten Unterlaufen des 
Achtstundentagsgesetzes einen Riegel 
vor. In der Praxis kaum wirksam wurde 
Brigitte Pellar
Historikerin
100 Jahre Achtstundentag
Außer durch Faschismus und Krieg stand bis 2018 der Achtstundentag mit zehn 
Stunden Höchstarbeitszeit nie infrage.
        

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