15Arbeit&Wirtschaft 9/2018 aber die 44­Stunden­Woche für Frauen und Jugendliche und es dauerte etliche Jahre, bis die vor dem Inkrafttreten des Gesetzes abgeschlossenen Kollektivver­ träge durch bessere, dem neuen Standard entsprechende ersetzt werden konnten. Bis zum Ende der demokratischen Repu­ blik vereinbarten die meisten Verträge die 46­Stunden­Woche und damit auch für erwachsene Arbeitnehmer einen früheren Arbeitsschluss am Samstag. Meilenstein Trotz etlicher Mängel kann das Arbeits­ zeitgesetz vom Dezember 1919 als Mei­ lenstein der Sozialgesetzgebung angese­ hen werden – und die ZeitgenossInnen empfanden das auch so. Denn ab 1890 hatte die ArbeiterInnenbewegung „acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden freie Zeit“ gefordert. Nur selten war es den Gewerkschaften gelungen, in Kollektivverträgen eine kür­ zere Arbeitszeit oder gar den Achtstunden­ tag durchzusetzen. Vor diesem Hinter­ grund waren die Arbeitszeitgesetze der Re­ publikgründungsjahre ein sozial­ und de­ mokratiepolitischer Durchbruch. So beurteilte sie 1932 im Rückblick auch Richard Robert Wagner, der Orga­ nisator der Wiener Gewerkschaftsschu­ le: „Das Achtstundentagsgesetz, Ein­ schränkung der Arbeit von Frauen und Jugendlichen auf 44 Stunden in der Wo­ che, Einschränkung und Verbot für Nachtarbeit, dann das Arbeiterurlaubs­ gesetz, Kulturgesetze ersten Ranges, schufen der Arbeiterschaft erst die nötige Freizeit und die Ausgeruhtheit, um die vielen Aufgaben demokratischer Selbst­ verwaltung in der Republik auf sich neh­ men zu können …“ Als Wagner diese Zeilen schrieb, stand Österreich auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, die Arbeitslosigkeit war schon mehrere Jah­ re extrem hoch. Vor allem auch als Maß­ nahme im Kampf gegen die Arbeitslo­ sigkeit forderte der Kongress der Freien Gewerkschaften 1931 die 40­Stunden­ Woche – ein Ziel, das erst nach Jahr­ zehnten erreicht werden konnte. Der „Zeitgeist“ wies in die Gegen­ richtung. Das austrofaschistische Re­ gime, das 1933 die demokratische Re­ publik zerstörte, schaffte zwar den Acht­ stundentag formal nicht ab. Aber er stand nur mehr auf dem Papier, unter anderem weil die Unternehmensleitun­ gen jetzt unbegrenzt Überstunden an­ ordnen konnten. Täuschung Die nationalsozialistische Arbeitszeitver­ ordnung von 1938 bestätigte den Acht­ stundentag und die zehnstündige Höchst­ arbeitszeit und verbesserte sogar den Schutz für Jugendliche und Frauen. Der Faschismus „gab sich in markt­ schreierischer Weise als (…) Sozialstaat, um darüber hinwegzutäuschen, dass er aufgehört hatte, Rechtsstaat zu sein“, wie Bundespräsident Karl Renner dreißig Jahre nach der Republikgründung an­ merkte. Während des Zweiten Welt­ kriegs wurde aber der Elfstundentag wieder die Regel und so blieb es vorerst auch noch zu Beginn der Zweiten Repu­ blik ab 1945. Die Gewerkschaften im neuen Österreichischen Gewerkschafts­ bund kämpften am Verhandlungstisch und wenn das nicht ausreichte auch mit Streiks darum, an die fortschrittlichen Arbeitszeitstandards von 1918 und 1919 anzuknüpfen. Bis 1950 wurde der Achtstundentag durch Kollektivverträge flächendeckend wieder eingeführt und es galt in der Re­ gel die 48­Stunden­Woche; einige Be­ rufsgruppen erreichten aber schon mehr. 1948, im Jahr des ersten ÖGB­Kongres­ ses, setzten die SchuhmacherInnen mit dem größten Streik der Nachkriegszeit etwa die 44­Stunden­Woche durch, wäh­ rend der 1959 zwischen ÖGB und Wirt­ schaftskammer abgeschlossene General­ kollektivvertrag flächendeckend nur die 45­Stunden­Woche vorsah. Von 38 auf 60 Stunden Ein neuer Generalkollektivvertrag und dann das lange geforderte Arbeitszeitge­ setz legten 1969 den Stufenplan zur Ein­ führung der 40­Stunden­Woche fest, die 1975 für die überwiegende Mehrheit der ArbeitnehmerInnen Wirklichkeit wurde. Angesichts enormer Produktivitäts­ steigerungen setzte die Gewerkschafts­ bewegung auch im folgenden Jahrzehnt auf Arbeitszeitverkürzung und 1985 wurde in einem ersten Kollektivvertrag die 38­Stunden­Woche vereinbart. Weitere Informationen: www.neinzum12stundentag.at/auswirkungen Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin brigitte.pellar@aon.at oder die Redaktion aw@oegb.at Entwicklung der Arbeitszeit Stunden / Tag16 13,2 9,6 9 8,6 8,4 8 19. Jhdt 1885 1919 1959 1970 1972 1975 1985 7,7 2018 12 Stunden / Woche80 66 48 45 43 42 40 38,5 60 © T ho m as Ja rm er © Quellen: Der Standard, APA, Profil 28/04

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