8 Arbeit&Wirtschaft 9/2018
Neben dem großen Zuzug nach Wien 
sorgte ein weiteres Ereignis dafür, dass sich 
die Wohnsituation massiv verschlechterte: 
Die Ziegelwerke gingen an die Börse. 
„Was Victor Adler vorfand, war unvor­
stellbares Massenelend. Kaputte, einge­
schüchterte Menschen, die wie Sklaven 
behandelt wurden“, schreibt etwa Wolf­
gang Slapansky in dem neu erschienen 
Buch „Reise in die Geschichte der Arbei­
terInnenbewegung in Wien“. In den Un­
terkünften fand Adler menschenun­
würdige Bedingungen vor: „In großen 
Schlafsälen waren bis zu 70 Personen zu­
sammengepfercht: Männer, Frauen, Kin­
der ohne Privatsphäre und Intimität.
Organisation trotz Repression
Schmutz, Gestank und Lärm begleiteten 
die Arbeit und die restliche Zeit. Adlers 
Schilderungen sorgten zwar für Empö­
rung, doch statt sich an eine Verbesserung 
der Bedingungen zu machen, ging man 
gegen Adler und angebliche Rädelsführer 
vor. Einschüchtern aber ließen sich die 
ArbeiterInnen nicht mehr. Vielmehr be­
gannen sie sich zu organisieren – obwohl 
dies, wie Slapansky betont, „zumindest 
im Ziegelwerk“ verboten war. Im Jahr 
1890 gründeten tschechische Arbeite­
rInnen in Inzersdorf einen Bildungsver­
ein für ArbeiterInnen. Vertrauensleute 
formulierten Forderungen für bessere Ar­
beitsbedingungen. 
Trauriges Symbol
Heute ist von all dem am Wienerberg 
nichts mehr zu spüren. Hochhäuser über­
ragen das Gelände, auf dem inzwischen 
auch ein Naherholungsgebiet entstanden 
ist. Die Spuren der ArbeiterInnenbewe­
gung lassen sich in Favoriten aber weiter­
hin finden. So steht das Gebäude des Ar­
beiterbetriebsrates nach wie vor, inzwi­
schen wird es vom örtlichen Kleingarten­
verein genutzt. An den früheren Verwen­
dungszweck erinnert eine Büste von Vic­
tor Adler an der Hausmauer. Auch das 
Gasthaus, in dem sich die Ziegelarbeite­
rInnen oft zu Versammlungen getroffen 
haben, gibt es noch – inzwischen ist es 
ein schickes Lokal. Einen traurigen An­
blick gibt das Haus in der Favoritenstraße 
ab, das einst ein Vorzeigebau der Arbei­
terschaft war: das frühere Arbeiterheim 
Favoriten, auch Rotes Haus genannt. 
Man ist versucht zu sagen, dass dieses 
Haus geradezu symbolisch für die Ge­
schichte der ArbeiterInnenbewegung 
steht. Denn das Jugendstilhaus wirkt he­
runtergekommen, lange Zeit war es ein 
Hotel, dann eine Flüchtlingsunterkunft, 
inzwischen steht es leer. 
Der Gedanke liegt nahe, dass es so 
auch ein Symbol dafür ist, wie es um 
den mühsam errungenen Einfluss der 
ArbeitnehmerInnen heute steht. Einst 
jedenfalls war es ein Zentrum der Ar­
beiterInnen. Es war das erste Volksheim 
Wiens. Es gab darin nicht nur einen 
großen Versammlungssaal, in dem auch 
Victor Adler einst Reden schwang. 
Auch war es einst Unterkunft verschie­
dener Organisationen, es gab eine Bib­
liothek, eine Filiale der Konsumgenos­
senschaft und die Zahlstelle der Allge­
meinen Arbeiterkrankenkasse war dar­
in ebenso untergebracht. Über die Be­
deutung des Hauses schreibt Slapansky: 
„Das Arbeiterheim Favoriten war ein 
deutliches Signal einer selbstbewussten 
Arbeiterschaft, die nun erstmals eine 
Arbeit&Wirtschaft 9/2018
        

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