9Arbeit&Wirtschaft 9/2018
eigene Heimstätte hatte.“ Auch Unter­
haltung wurde den ArbeiterInnen ge­
boten, von Orchester über Theater bis 
hin zum Kino.
Dem Gedenken gewidmet
Szenenwechsel an einen anderen Ort der 
ArbeiterInnenbewegung, der anders als 
das Arbeiterheim heute noch glänzt: das 
Vorwärts­Haus an der Rechten Wienzeile. 
Jahrzehntelang hatte hier die Arbeiterzei­
tung ihren Sitz, es war somit auch der 
Arbeitsplatz von Victor Adler. Schon 
wenn man das Haus betritt, spürt man 
die Geschichte, was nicht nur an den his­
torischen Plakaten liegt, die dort ausge­
stellt sind. Die Wände im Erdgeschoß 
sind mit Holz vertäfelt, im ersten Stock 
ist eine Bibliothek untergebracht, die Re­
gale sind mit unzähligen historischen 
Ausgaben von Zeitungen befüllt. Inzwi­
schen ist in den früheren Redaktions­
räumlichkeiten der Verein für Geschichte 
der ArbeiterInnenbewegung (VGA) un­
tergebracht. In einer hübschen alten 
Glasvitrine findet man Devotionalien, 
darunter auch eine Büste der historischen 
Leitfigur Victor Adler. Michaela Maier 
ist Vorsitzende des Vereins, nicht ohne 
Stolz hält sie fest: „Er ist international die 
älteste Institution dieser Art.“ 
Wenn es also um die Frage geht, wie 
es um das Gedenken an die Errungen­
schaften der ArbeiterInnenbewegung 
steht, so ist sie jedenfalls eine perfekte 
Ansprechpartnerin. Denn wann hat es 
denn eigentlich begonnen, dass man 
sich auch in der etablierten Geschichts­
wissenschaft für die Geschichte der Ar­
beiterInnenbewegung zu interessieren 
begonnen hat? „Das ist in den späten 
1960er­ und 1970er­Jahren aufgekom­
men, dass man nicht mehr nur „Ge­
schichte von oben“ erzählen wollte, son­
dern sich auch anschauen wollte, was 
unten passiert ist“, sagt Maier. Denn 
dass Geschichte nicht nur die Geschich­
te von Herrschenden und ihrer Kriege 
sein muss: Diese Einsicht hat sich auch 
in der Geschichtswissenschaft erst etab­
lieren müssen. Dass sie sich durchgesetzt 
hat, davon kann freilich keine Rede sein. 
Das Interesse für die „Geschichte von 
unten“ komme und gehe in Wellen, so 
Maier. „Es war eine Zeit lang moderner, 
um die Jahrtausendwende herum war es 
auf einmal überhaupt nicht mehr inter­
essant.“ Blinde Flecken: Sie begleiten 
nicht nur die Wahrnehmung der Ge­
schichte, sondern auch jene der tagesak­
tuellen Berichterstattung. So war ein 
Medium wie die Arbeiterzeitung für 
den Einfluss, den Gewerkschaften errei­
chen konnten, von essenzieller Bedeu­
tung. Denn in Medien wie in dieser 
früheren Traditionszeitung wurden an­
dere Themen aufgegriffen als in der 
bürgerlichen Presse – es gab Platz für 
andere Meinungen und Zugänge. Frei­
lich blieb auch sie nicht von blinden 
Flecken verschont, genauso wenig wie 
die Geschichte der ArbeiterInnenbewe­
gung selbst. 
Vergessene AkteurInnen
Dafür kann man beispielsweise einen 
Blick zurück nach Favoriten werfen. 
Denn wer weiß schon, nach wem das 
Amalienbad – auch ein Vorzeigebau des 
Roten Wiens – benannt ist? Es ist auf­
schlussreich, sich auf Wikipedia auf die 
Suche nach der Namensgeberin zu bege­
Im Arbeiterheim Favoriten fand die junge 
ArbeiterInnenbewegung eine Heimstätte. 
ArbeiterInnen konnten sich dort nicht nur 
bilden, sondern auch günstig einkaufen 
oder aber ihre Freizeit verbringen. Ein Ort, 
an dem man sich austauschen und organi-
sieren konnte, war ein großer Fortschritt. 
Heute sind die Bedingungen wieder schwie-
riger, was auch dem Wandel der Arbeitswelt 
geschuldet ist. 
Arbeit&Wirtschaft 9/2018
        

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