Full text: Wie viel darf’s denn sein? (2)

16 Arbeit&Wirtschaft 2/2019
W
er holt die Kinder ab? Schaffe 
ich es rechtzeitig zur Betreu-
ungseinrichtung, ehe sie 
schließt? Und was passiert, 
wenn ein hohes Arbeitsaufkommen 
Überstunden erforderlich macht? Hin- 
und hergerissen zwischen Arbeit und Fa-
milie: Diese Problematik kennen viele 
berufstätige Eltern. Was bereits beim Auf-
stehen beginnt, endet erst nach der Arbeit 
mit dem (hoffentlich) rechtzeitigen Ab-
holen der Kinder: Stress, Adrenalin, Hek-
tik – und das in Dauerschleife.
Ingrid Moritz und Gerlinde Hauer 
kennen als AK-Expertinnen die Proble-
matik der Vereinbarkeit von Arbeit und 
Familie, die sich durch das neue Arbeits-
zeitgesetz noch weiter zuspitzt. „Der 
12-Stunden-Tag wird zur Zerreißprobe 
für berufstätige Eltern“, so Hauer. Das 
liegt laut Ingrid Moritz, Leiterin der Ab-
teilung Frauen – Familie der AK Wien, 
auch daran, dass die meisten Kindergär-
ten um 17 Uhr schließen: „Lediglich 
zehn Prozent der Kindergärten haben 
bis 18 Uhr oder länger oen.“ 
Keine Verbesserung
Die Schwierigkeit, geeignete Betreuungs-
einrichtungen zu finden, verbessert sich 
auch mit zunehmendem Kindesalter 
nicht. „Denn lediglich für 36 Prozent der 
Kinder im Volksschulalter gibt es eine 
schulische Tagesbetreuung bzw. eine au-
ßerschulische Betreuungseinrichtung“, 
berichtet Gerlinde Hauer. Hinzu kommt 
die Tatsache, dass „700.000 Kinder ihre 
Eltern beim Lernen brauchen“, resümiert 
die AK-Expertin. Schon der Philosoph 
und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau 
wusste: „Kindererziehung ist ein Beruf, 
wo man Zeit zu verlieren verstehen muss, 
um Zeit zu gewinnen.“
Addiert man noch die täglichen Auf-
gaben des Haushalts, multipliziert sich 
der Koordinationsstress. „Der 12-Stun-
den-Tag wirkt angesichts der alltägli-
chen akrobatischen Leistungen, die nö-
tig sind, um Arbeitswelt und Privatleben 
in Einklang zu bringen, wie Öl ins Feuer 
zu gießen“, fasst Ingrid Moritz die Situ-
ation treend zusammen.
Traditionelle Teilung
AK-Expertin Gerlinde Hauer weist dar-
auf hin, dass die Auswirkungen vor allem 
für berufstätige Mütter besonders gravie-
rend sind: „Die Ausweitung der täglichen 
Arbeitszeit auf 12 Stunden und bis zu 
60 Stunden pro Woche schafft Anreize 
zu einer noch stärkeren traditionellen 
Arbeitsteilung zwischen den Geschlech-
tern. Denn wenn es schwierig wird, 
Beruf und Familie partnerschaftlich zu 
teilen, so wird die Überstundenleistung 
bei voller Erwerbsfähigkeit bei Vätern 
steigen, während Mütter sich verstärkt 
auf die Familienaufgaben und aufs 
Zuver dienen konzentrieren.“
Hauer stützt sich dabei auf eine aktu-
elle Studie von FORBA, derzufolge „hö-
here Arbeitszeiten von Männern die 
Möglichkeit von Frauen einschränken, 
in höherem Ausmaß erwerbstätig zu 
sein“. Demnach erhöhe jede zusätzliche 
Wochenarbeitsstunde des Mannes die 
Chance auf Ungleichverteilung in der 
Partnerschaft um 13 Prozent. Das Resul-
tat ist in vielen dieser Fälle, dass Frauen 
auf Teilzeitposten umsteigen, um Kinder- 
betreuung mit der Arbeit vereinbaren zu 
können.
Im Zentrum der Debatte steht für 
Sybille Pirklbauer, AK-Referentin für 
soziale und wirtschaftliche Aspekte von 
Gender-Gerechtigkeit und Familien-
förderung, der folgende Interessenkon-
ikt: „Während es der verständliche 
Wunsch der UnternehmerInnen ist, 
ihre Beschäftigten nach Anfall der Ar-
beit einzusetzen, ist es der genauso ver-
ständliche Wunsch von Eltern, ihre 
 Arbeitszeiten an die familiären Bedürf-
nisse anzupassen.“ 
Zu spüren bekommen das aufgrund 
der letztes Jahr eingeführten Arbeitszeit-
exibilisierung vor allem die Familien. 
Pirklbauer merkt an, dass der 12-Stun-
den-Tag „zu einer Aufteilung der Fami-
lie führt, sodass die Kinder – zumindest 
unter der Woche – nur mehr entweder 
Vater oder Mutter sehen“. Ihr zufolge 
gibt das neue Arbeitszeitgesetz dem 
Wort „Eltern-Teil“ dadurch eine ganz 
neue Bedeutung. Für qualitative Stun-
den zusammen und gemeinsame Aktivi-
täten bleibt da denitiv wenig Zeit – vor 
allem nicht in der vollständigen Kons-
tellation Vater–Mutter–Kind.
Mögliche Alternative
Eines ist klar: Das neue Arbeitszeitgesetz 
stellt eine zusätzliche Herausforderung 
für Familien dar. Doch gibt es Alternati-
ven? Bessere Modelle? Bereits 2017 un-
tersuchte eine SORA-Studie im Auftrag 
der Arbeiterkammer Wien zum Thema 
Öl ins Feuer
Schon bisher war es für Familien schwierig, Arbeit und Privatleben miteinander zu 
vereinbaren, denn bei der Kinderbetreuung hinkt Österreich stark hinterher. 
Beatrix Mittermann
Redakteurin des ÖGB-Verlags
        

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