Full text: Wie viel darf’s denn sein? (2)

26 Arbeit&Wirtschaft 2/2019
Im atypischen Teufelskreis
Von der verantwortungslosen Auslagerung unternehmerischer Risiken auf die 
Allgemeinheit und der einzigen Reißleine zum Stopp dieser Abwärtsspirale.
E
in tiefer Spalt zieht sich durch den 
österreichischen Arbeitsmarkt. Die 
einen müssen arbeiten, bis sie um-
fallen, und hatten schon so lange 
keine Zeit mehr für sich selbst und ihre 
Angehörigen, dass sie gar nicht mehr wis-
sen, wie sich Freizeit anfühlt oder was aus 
ihren Freundschaften geworden ist. Die 
anderen müssen ihre Zeit immer auf Ab-
ruf mit Warten und Bangen um den 
nächsten Arbeitsauftrag verbringen. Auch 
sie sind gestresst, ängstlich und ruhelos, 
ihr Alltag ist nicht weniger anstrengend 
als der ihrer KollegInnen im Hamsterrad 
der überlangen Arbeitstage.
Die stetig kleiner werdende Gruppe 
derer, die noch einen unbefristeten Voll-
zeit-Arbeitsvertrag ihr Eigen nennen 
können, leistet Überstunden am laufen-
den Band. Zumindest gilt das für die 
Zeit, in der sie in einem aufrechten 
Dienstverhältnis und nicht gerade ar-
beitslos sind. Deswegen ist Österreich 
im europäischen Vergleich Spitzenreiter, 
wenn es um die Dauer der Arbeitszeit 
geht, nur in Großbritannien und in 
Griechenland wird länger gearbeitet. 
Aber Österreich gehört auch zum obe-
ren Drittel der Länder mit den meisten 
atypischen Beschäftigungsverhältnissen 
in der EU und ist mit einem Anteil von 
47 Prozent auf Platz zwei bei der Quote 
der teilzeitbeschäftigten Frauen. Folg-
lich ist der Unterschied in der Vertei-
lung der Arbeitszeit auch zwischen den 
Geschlechtern in unserem Land beson-
ders groß, denn Frauen leisten neben 
der Lohnarbeit immer noch den Löwen-
anteil der unbezahlten Familienarbeit. 
Doch wie passt diese Diskrepanz zusam-
men und wie kommt es zu dieser extre-
men Schieage?
Das fehlende Korrektiv 
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass 
das solide, regulierte Verhältnis zwischen 
Arbeitszeit und Freizeit eine relativ jun-
ge Errungenschaft ist. Die Balance zwi-
schen acht Stunden Schlaf, acht Stunden 
Arbeit und acht Stunden Freizeit hatte 
ihren Höhepunkt mit der breiten Etab-
lierung des „Normalarbeitsverhältnisses“ 
erst in den 1970er-Jahren erreicht. Seit 
den 1990ern und insbesondere seit der 
Finanzkrise 2008 ist dieses Gleichge-
wicht jedoch wieder aus dem Lot gera-
ten. Teilzeitjobs, Zeitarbeit, befristete 
Jobs und Vertragsformen, für die kein 
Arbeitszeitgesetz und keine Schutzvor-
schriften gelten, sind seither auf dem 
Vormarsch. Über ein Drittel aller Be-
schäftigten und mehr als die Hälfte aller 
Frauen sind heute atypisch beschäftigt. 
Über ein Drittel aller Beschäftigten be-
hält ihre Jobs nicht einmal ein Jahr 
durchgehend.
Nicht wenige Beschäftigte nden 
sich wieder in einer Welt, in der von 
früh bis spät zum Hungerlohn geschuf-
tet werden muss und sich das Privatle-
ben auf basale Erholung beschränkt, die 
lediglich der körperlichen Regeneration 
dient. Besonders für prekär Beschäftigte 
trit dies zu. 
Der Alltag von Prekären, wie es etwa 
MitarbeiterInnen von Lieferservices 
sind, hat so manche Härte zu bieten. 
Dazu zählen beispielseweise Algorith-
men, die Lieferanten unabhängig von 
Wetter und Verkehr vorgeben, dass sie 
nicht länger als 12 Minuten für jede 
ihre Zustellungen brauchen dürfen. Es 
gibt Paketboten, die als Neue Selbst-
ständige 45 Cent pro ausgefahrenem 
Paket erhalten, bevor sie am nächsten 
Tag wieder die Packesel der Nation ge-
ben müssen. Eine Jungwissenschafterin 
an der Universität räumte ein, sie habe 
keine Zeit und keine Sicherheit, um 
eine Familie gründen zu können, ob-
wohl sie sich das wünschen würde. Eine 
„freie“ Grakerin berichtete, dass sie an 
Sonn- und Feiertagen arbeiten muss, 
weil ihr keine Ruhezeit zusteht, und 
eine unfreiwillig Teilzeitbeschäftigte 
sagte, dass sie seit 25 Jahren um jede 
Stunde ihrer Arbeitszeit kämpft.
Heuern & feuern
Wenig besser geht es denjenigen, die ste-
tig Arbeit suchen oder darauf warten 
müssen. Ermüdende und schwer belas-
tende Phasen zwischenzeitiger Arbeits-
losigkeit sind ständige Begleiterinnen 
Veronika Bohrn Mena
GPA-djp-Geschäftsbereich Interessenvertretung
B U C H T I P P
Veronika Bohrn Mena:
Die neue 
ArbeiterInnenklasse  
Menschen in prekären 
Verhältnissen
ÖGB-Verlag,  
2019, € 19,90
ISBN: 978-3-99046-406-9 
Bestellung:
www.besserewelt.at
        

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