Full text: Wie viel darf’s denn sein? (2)

nach Demokratie verbunden. 
Denn hierzulande gab es anders 
als etwa in Frankreich, der 
Schweiz oder Deutschland bis 
1907 nicht einmal für Männer ein 
demokratisches Wahlrecht. Die 
Vereins- und Versammlungsfrei-
heit war trotz ihrer Anerkennung 
im Staatsgrundgesetz stark ein-
geschränkt. Die ArbeiterInnen 
und (noch wenigen) Angestellten, 
die an den Mai-Demonstrationen 
teilnahmen, riskierten viel. Sie 
mussten mit Verhaftung und Ver-
letzungen rechnen, denn vor al-
lem in den ersten Jahren hielten 
sich Polizei und Militär nicht immer so zurück 
wie 1890 in Wien und Graz. Und sie mussten 
noch lange mit dem Verlust ihres Arbeitsplat-
zes rechnen, denn viele Unternehmen verwei-
gerten einen Urlaubstag, somit verließen sie 
unerlaubt den Arbeitsplatz. Nur dort, wo die 
Gewerkschaften ab 1900 in Kollektivverträgen 
den freien 1. Mai durchsetzen konnten, wur-
den die Risiken geringer.
Als das Parlament der ersten demokratischen 
Republik im Dezember 1919 den achtstündi-
gen Normalarbeitstag als Grundsatzregelung 
einführte, wurde das auch zusammen mit 
dem ebenfalls beschlossenen Arbeiterurlaub 
und der Erklärung des 1. Mai zum gesetzli-
chen Feiertag als Beitrag zur Förderung von 
Interessenvertretung und Mitbestimmung ge-
sehen. ArbeitnehmervertreterInnen hatten 
jetzt ja viele öffentliche Aufgaben wahrzu-
nehmen: vom Parlament über die neu ge-
Als die internationale Arbeiterkonferenz in 
Paris im Sommer 1889 die weltweite Kampa-
gne für den Achtstundentag ankickte, waren 
sich die Delegierten in einer Sache völlig ei-
nig. Es gibt zwei gleichwertige Ziele: Das ei-
ne Ziel war ein gutes Leben auch für die „Ar-
beiterschaft“, die große Mehrheit der Men-
schen, die auf Lohn und Gehalt angewiesen 
sind. Das andere Ziel war es, den Arbeitneh-
merInnen genug Freiraum, Fitness und Bil-
dung zu verschaffen, um für ihre Interessen 
eintreten und den Kampf um eine gerechtere 
Gesellschaft aufnehmen zu können. Das wur-
de im Aufruf der Pariser Konferenz zum Kam-
pagnenstart deutlich betont:
Erwäget jene … Vorteile, welche euch aus 
der Verkürzung der Arbeitszeit, insbeson-
dere aber aus dem achtstündigen Arbeits-
tag erwachsen: 1. Bei achtstündiger Ar-
beitszeit wird der Körper mehr geschont 
und das Leben des Arbeiters verlängert 
… 4. Bei achtstündiger Arbeitszeit blei-
ben noch acht Stunden zur Ruhe, acht 
Stunden zur Belehrung, Aufklärung und 
zum Vergnügen. 5. Bei achtstündiger Ar-
beitszeit werden die Fach- und Bildungs-
vereine wie auch Versammlungen besser 
besucht … 7. Bei achtstündiger Arbeits-
zeit wird der Verdienst größer und man 
kann die Kinder in die Schule anstatt in 
die Fabrik schicken. 8. Bei achtstündiger 
Arbeitszeit werden die Arbeitermassen 
politisch reifer und selbständiger.
In Österreich war die Kampagne für den Acht-
stundentag besonders eng mit der Forderung 
Zeit für Demokratie
Die Kampagne für Arbeitszeitverkürzung hatte von Anfang an auch zum Ziel,  
dass ArbeitnehmerInnen demokratische Rechte in Anspruch nehmen können.
schaffenen Betriebsräte und Arbeiterkam-
mern bis zu den Industriellen Bezirkskommis-
sionen der Arbeitsämter, um nur die aller-
wichtigsten zu nennen. Dazu kam: Die Teil-
nahme an gewerkschaftlichen und politischen 
Aktionen war jetzt endlich ohne Angst möglich. 
Aber nur, wenn die Arbeit den Menschen ge-
nügend „Luft zum Atmen“ ließ, konnten sie 
dieses Recht auch in Anspruch nehmen. 
Ausgewählt und kommentiert von 
Brigitte Pellar
brigitte.pellar@aon.at
4 Arbeit&Wirtschaft 2/2019
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Dieser Ausschnitt aus einer Mai-Festschrift 
von 1894 kommuniziert besonders gut die 
Doppelforderung nach Demokratie und 
menschlicher Arbeitszeit: Die Göttin der 
Freiheit mit der Jakobinermütze aus der 
Französischen Revolution zeigt dem Arbei-
ter, dass er für den Achtstundentag kämpfen 
muss, um seine Fesseln zu sprengen.
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