Full text: 100 Jahre ganz Ohr (3)

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in halbes Jahr nach Kriegsende, im 
Mai 1919, waren die Menschen im 
geschrumpften Österreich – vom 
heimgekehrten Soldaten bis zur 
Kriegerwitwe – vor allem damit beschäf-
tigt, mit der neuen Situation zurechtzu-
kommen: Lebensmittel waren knapp, 
viele suchten Arbeit und eine leistbare 
Wohnung. Der Schleichhandel blühte, 
die politische Situation war alles andere 
als stabil: Es gab immer wieder Demons-
trationen und blutige Zusammenstöße 
politischer Gruppierungen. 
Arbeiter- und Soldatenräte
So mancher Soldat hatte aus Russland 
kommunistische Ideen mitgebracht, und 
schon ab 1918 waren auch hierzulande 
Arbeiter- und Soldatenräte entstanden. 
So setzte etwa in der Mitterberger Kupfer 
AG in Salzburg der Arbeiterrat den Di-
rektor ab und erklärte die Belegschaft zur 
Besitzerin des Betriebes. „Die Führung 
der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 
(DSAP) setzte ein Schiedsgericht ein und 
konnte so die Situation beruhigen“, weiß 
die Historikerin Brigitte Pellar.
„Im Werk Donawitz der Österrei-
chisch-Alpinen Montangesellschaft wie-
derum löste eine Erhöhung von Lebens-
mittelpreisen am 7. April 1919 eine 
Protestaktion aus. Die Belegschaft 
streikte, verjagte die Direktion und setz-
te ein Direktorium ein, das aus zwei In-
genieuren und je einem sozialdemokra-
tischen und einem kommunistischen 
Arbeiter bestand. Dieses Management 
funktionierte anscheinend gut, denn 
während der dreitägigen Selbstverwal-
tung wurde in allen Abteilungen gear-
beitet. Das Experiment, dem sich auch 
die Bergarbeiter und Bergarbeiterinnen 
des Unternehmens anschlossen, wurde 
durch den örtlichen Arbeiterrat been-
det. Er erklärte sich zur einzigen berech-
tigten Instanz, um Streitigkeiten zwi-
schen Belegschaft und Werksleitung zu 
schlichten.“
Unruhige Zeiten
Vor allem in Wien kam es immer wieder 
zu größeren Demonstrationen, so zogen 
im März 1919 rund 10.000 Lehrlinge vor 
das Rathaus. Der Druck der Straße war 
deutlich spürbar, und die Regierung be-
fürchtete eine Radikalisierung der Arbei-
ter- und Soldatenräte. Unter diesen Um-
ständen waren auch christlichsoziale Ab-
geordnete bereit, Sozialreformen zuzu-
stimmen. In Zusammenarbeit mit dem 
gut eingespielten und nach wie vor vor-
handenen Beamtenapparat der Monar-
chie entstanden damals gleich mehrere 
für ArbeitnehmerInnen entscheidende 
Gesetze. So wurde am 15. Mai 1919 das 
Betriebsrätegesetz verabschiedet. Aus den 
Vertrauensmännern und -frauen, die sich 
seit Ende des 19. Jahrhunderts haupt-
sächlich in Fabriken für die Interessen der 
ArbeiterInnen eingesetzt hatten, wurden 
BetriebsrätInnen. Vorgesehen war ein 
dreiköpfiger Betriebsrat für alle Betriebe 
mit mindestens 20 Beschäftigten, um die 
„wirtschaftlichen, sozialen und kulturel-
len Interessen der Arbeiter und Angestell-
ten wahrzunehmen und zu fördern“. 
Auch die Kooperation mit den Gewerk-
schaften wurde im Gesetz erwähnt. 
Verbesserungen im Arbeitsrecht
Mit dem Arbeiterurlaubsgesetz erhielten 
auch ArbeiterInnen das Recht auf bezahl-
ten Urlaub. Ein weiteres Gesetz beschäf-
tigte sich mit der Arbeitszeit: Es sah den 
achtstündigen Normalarbeitstag mit der 
Möglichkeit einer Höchstarbeitszeit von 
10 Stunden an 30 Tagen im Jahr vor.
Und im Dezember 1919 wurde das 
Gesetz über Einigungsämter verabschie-
det, das man auch als „erstes Kollektiv-
vertragsgesetz“ bezeichnen könnte. Das 
Amt war mit VertreterInnen der Ar-
beitsmarktparteien paritätisch zusam-
mengesetzt und diente auch als Schlich-
tungsstelle bei „Streitigkeiten aus dem 
Arbeitsverhältnis“. Historikerin Brigitte 
Pellar: „Die ersten Betriebsräte mussten 
sehr oft vor das Einigungsamt gehen, da 
die Unternehmen immer wieder ver-
suchten, die Kollektivverträge zu unter-
laufen. Ihnen standen dabei keine 
Rechtsanwälte als professionelle Berater 
zur Verfügung, sie mussten ihre Anlie-
gen selbst vorbringen und verteidigen.“
Johann Swatschina, damals junger 
Betriebsratsvorsitzender und gewerk-
schaftlicher Vertrauensmann der Hohe-
nauer Zuckerfabrik, erinnerte sich 1972 
als Zeitzeuge an diese Kämpfe: „Nach 
1919 gab es öfters Auseinandersetzun-
gen über die Auslegung des Kollektiv-
vertrags, sodass wir bis zum Einigungs-
amt gehen mussten. Wir hatten auch 
Erfolg, trotzdem ihr Vertreter ein 
Rechtsanwalt war und wir nur die 
Volksschule besucht hatten …“ 
Im Winter 1919 standen Betriebsrä-
tInnen zusätzlich noch vor ganz anderen 
Herausforderungen: Nicht nur Lebens-
mittel waren knapp, es gab auch kaum 
Kohle zum Heizen. Zum Teil versuch-
ten sie gemeinsam mit Arbeiterkonsum-
genossenschaften, das Nötigste für die 
hungernden und frierenden Beschäftig-
ten zu besorgen. 
In der Zwischenkriegszeit kam es 
nicht nur in den Fabriken und seitens 
der ArbeiterInnen zu Arbeitskämpfen. 
1924 etwa endete der Streik von 30.000 
Bankbeamten nach 20 Tagen erfolgreich 
für die Gewerkschaft. Später wurde (ver-
geblich) versucht, den Streikenden die 
Schuld am ersten großen Bankensterben 
zuzuschieben.
Nach langer Zwangspause während 
der NS-Herrschaft wurden unmittelbar 
nach Kriegsende in den Betrieben spon-
tan BetriebsrätInnen gewählt, die sich 
meist aus den Mitgliedern ehemaliger 
Widerstandsgruppen zusammensetzten. 
Nicht wenige waren gemeinsam inhaf-
tiert bzw. im KZ gewesen. 1947 wurde 
das Betriebsrätegesetz mit mehreren 
Verbesserungen neu beschlossen: Ein 
Zentralbetriebsrat wurde eingeführt so-
wie die Möglichkeit, Betriebsversamm-
lungen abzuhalten. Schutzbestimmun-
gen für BetriebsrätInnen wurden ausge-
baut, ab 200 Beschäftigten waren freige-
stellte BetriebsrätInnen vorgesehen. 
Maria Metzger, von 1949 bis 1955 
Betriebsrätin in einer Handelsfirma, er-
zählt von Solidarität unter den Kolle-
gInnen: „Anfang der 50er-Jahre gab es 
eine Demonstration der Handelsange-
stellten gegen die Verschlechterung der 
Ladenschlussbestimmungen. Und ich 
konnte erreichen, dass meine Kollegen 
hundertprozentig mitgingen, obwohl 
wir bei uns längst am Samstagvormittag 
freihatten.“ 
Altbekannte Probleme
Anfang der 1960er-Jahre setzte der Sie-
geszug der Lebensmittel- und Kaufhaus-
ketten ein. Die Probleme der Handels-
angestellten änderten sich dadurch nicht 
viel: Ladenschlusszeiten, Streit um Fei-
ertagsöffnung und familienfeindliche 
Arbeitszeiten. Emmi Scharnsteiner ar-
beitete von 1957 bis 1966 in einem 
Kaufhaus in Wien-Favoriten. Das Pro-
blem längerer Pausen zwischen den Ar-
beitseinheiten gab es auch damals: „Die 
Mittagspause dauerte viel länger, als ich 
zum Essen brauchte. Mittagessen gab es 
in der Werksküche im Keller des Ge-
bäudes. Danach ging ich meist in die 
hauseigene Schneiderei. Denn ich näh-
te fast die gesamte Kleidung für meine 
beiden kleinen Töchter selbst. So konn-
te ich wenigstens die Zeit nützen. Mei-
nen freien Tag verwendete ich für Haus-
arbeiten und zum Einkaufen, denn 
abends gelang es mir nur manchmal, 
beim Mini-Markt ums Eck schnell noch 
unter dem halb geschlossenen Rollbal-
ken durchzuschlüpfen, um Milch und 
Brot zu kaufen.“
Mit dem Arbeitsverfassungsgesetz, 
das im Juli 1974 in Kraft trat, wurden 
die einzelnen Gesetze zur Regelung des 
Arbeitsrechts (BR-Gesetz, KV-Gesetz 
etc.) zusammengefasst. Es gab auch ei-
nige Neuerungen, etwa die Drittel-Be-
teiligung der BetriebsrätInnen an Auf-
sichtsräten, das Einspruchsrecht gegen 
wirtschaftliche Maßnahmen oder die 
Etablierung der Jugendvertrauensrä-
tInnen. Natürlich wurde das Gesetz in 
der Zwischenzeit mehrmals novelliert, 
unter anderem 1987 unter Sozialmi-
nister Alfred Dallinger. 
Gleiche Themen
Selbst wenn sich die Arbeitswelt in den 
vergangenen 100 Jahren verändert hat, 
im Wesentlichen sind die Themen der 
Betriebsratstätigkeit die gleichen geblie-
ben: gerechte Entlohnung, Arbeitszeitre-
gelungen, humane Arbeitsbedingungen 
und Ähnliches. Besonders anschaulich 
lassen sich die Fortschritte beim Arbeit-
nehmerInnenschutz darstellen. So ver-
zeichnete die AUVA 1985 beispielsweise 
289 tödliche Arbeitsunfälle (ohne Weg-
unfälle), im Jahr 2017 waren es „nur“ 
noch 76. Auch Berufskrankheiten und 
Arbeitsunfälle insgesamt sind in den ver-
gangenen Jahrzehnten kontinuierlich zu-
rückgegangen, was vor allem auf das po-
sitive Zusammenwirken von Arbeitsins-
pektoraten, AUVA, Gewerkschaften und 
BetriebsrätInnen bzw. Beauftragten vor 
Ort zurückzuführen war.
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afadler@aon.at
oder an die Redaktion
aw@oegb.at
Astrid Fadler
Freie Journalistin
Kämpfe im Wandel
Im Jahr 1919 hat Österreich als erster demokratischer Staat  
den Betriebsrat eingeführt. Ein Streifzug durch 100 Jahre Geschichte.
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Gewerkschaftlich 
organisierte 
ZuckerarbeiterInnen 
nach 1920.
        

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