Volltext: 100 Jahre ganz Ohr (3)

Arbeit&Wirtschaft 3/2019 5
Doch die ÖGJ ließ sich nicht entmu-
tigen. Mit Hilfe aufgeschlossener 
Betriebsratsvorsitzender und wenn 
ArbeitgeberInnen zustimmten, wur-
den zunächst einzelne Vertrauens-
leute bestellt. Kurz darauf organi-
sierte die ÖGJ schon die ersten Wah-
len von Jugendvertrauensleuten. 
1949 arbeitete der Bundesjugend-
vorstand schließlich eine Wahlord-
nung aus, die in vielerlei Hinsicht 
als „Urfassung“ des Gesetzes von 
1973 angesehen werden kann. Es 
gehörte in vielen Betrieben Mut da-
zu, bei diesen Wahlen zu kandidie-
ren, denn nicht überall wurden die 
JugendvertreterInnen vom Manage-
ment anerkannt. Man musste mit 
Schikanen bis hin zur Entlassung rechnen. 
Es lässt sich also nachvollziehen, welchen 
Fortschritt für die Betriebsdemokratie das 
gesetzliche Recht auf Jugendvertrauensräte 
darstellte. 
Dem Gesetzesbeschluss war die ÖGJ-Kam-
pagne „M wie Mitbestimmung“ vorangegan-
gen. Zehn Jahre später folgte die „Initiative 
M – Mitbestimmung muss erkämpft werden“, 
denn angesichts der zunehmenden Jugend-
arbeitslosigkeit fürchteten viele junge Arbeit-
nehmerInnen um ihre Lehrstellen. Sie ver-
zichteten auf die in den Unternehmen nach 
wie vor nicht immer erwünschte Wahl von 
Jugendvertrauensräten. Davon gingen neue 
Impulse aus, aber die Betriebsdemokratie 
hatte es im Zeitalter des Turbokapitalismus 
immer schwerer. Die Entwicklung am Arbeits-
Nicht jedes politische Retro-Projekt lässt sich 
durchpeitschen, wenn die Betroffenen wis-
sen, worum es tatsächlich geht. Das zeigte 
sich, als sich die Gewerkschaftsjugend er-
folgreich gegen den 2018 verkündeten Plan 
der Regierung wehrte, das seit 1973 beste-
hende gesetzliche Recht auf Jugendvertrau-
ensräte abzuschaffen. Dieser Plan war Teil 
des Regierungsprogramms, das in vielen 
kleinen und größeren Schritten tragende Stei-
ne aus dem Gebäude des demokratischen 
Sozialstaats herausbrechen soll. 
Schon während der Verhandlungen über das 
Betriebsrätegesetz 1947 forderte der Öster-
reichische Gewerkschaftsbund, dass die jun-
gen ArbeitnehmerInnen, die Lehrlinge und 
die vielen angelernten Jugendlichen, ihre ei-
gene Vertretung haben sollten. Das Betriebs-
rätegesetz von 1919 war eine weltweite Pio-
nierleistung für die Mitbestimmung im Be-
trieb, nach den Erfahrungen mit der Recht-
losigkeit der ArbeitnehmerInnen unter den 
faschistischen Diktaturen sollten die Mitbe-
stimmungsmöglichkeiten aber nach 1945 
weiter ausgebaut werden. Die schwierigen 
Verhandlungen zwischen Gewerkschaft, Wirt-
schaftskammer und Staat brachten wichtige 
Fortschritte gegenüber der Ersten Republik, 
die Forderung nach dem Mitbestimmungs-
recht für Jugendliche konnte aber noch nicht 
durchgesetzt werden. Das lag nicht nur an 
der ablehnenden Haltung der ArbeitgeberIn-
nen, sondern auch am Unverständnis man-
cher BetriebsrätInnen, die meinten, bei ihnen 
sei die Vertretung der Jugendlichen ohnehin 
gut aufgehoben.
Initiative M
Seit das Mitbestimmungsrecht der jungen ArbeitnehmerInnen im Betrieb gilt, ist die 
Gewerkschaftsjugend Schutzschild der JugendvertrauensrätInnen.
markt führte dazu, dass eine erhebliche Zahl 
junger ArbeitnehmerInnen vom Vertretungs-
recht ausgeschlossen war. 2010 und 2011 
erreichte die ÖGJ, dass die Jugendlichen in 
den überbetrieblichen Ausbildungsbetrieben 
und die zunehmende Zahl an Lehrlingen über 
18 Jahren in das Vertretungsrecht einbezogen 
wurden.
Ausgewählt und kommentiert von 
Brigitte Pellar
brigitte.pellar@aon.at
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Dieses Plakat, das zur Verteidigung des 
Mitbestimmungsrechts für junge 
ArbeitnehmerInnen aufrief, begleitete 
die „Initiative M“ in den 1980er-Jahren. 
Die Kampagne der Gewerkschaftsjugend 
begann 1983 mit der Einberufung der 
ersten Jugendvertrauensrätekonferenz.
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Geschätztes 
Sprachrohr 
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ir werden keinen Richter brau-
chen: Mit diesem sehr österrei-
chischen Spruch lässt sich wohl 
am besten zusammenfassen, 
weshalb es in Österreich gerade in klei-
nen Betrieben oftmals keinen Betriebsrat 
gibt. „Das machen wir uns schon mitei-
nander aus“ … „Ich kann eh immer mit 
dem Chef reden“: Das hörte auch ich sehr 
oft, wenn Bekannte von Konflikten im 
Betrieb erzählten und ich die Frage stell-
te, warum sie denn keinen Betriebsrat 
gründen. So überzeugt die Ablehnung 
des Betriebsrats da oftmals war, so schnell 
änderte sich die Perspektive, wenn der 
oder die Betreffende in ein Unternehmen 
wechselte, in dem es einen Betriebsrat 
gab. Dann nämlich waren sie begeistert 
davon, welche Vorteile der Betriebsrat et-
wa in Betriebsvereinbarungen zusätzlich 
erkämpft hatte.
Die Skepsis bei Beschäftigten in klei-
nen und mittleren Betrieben kommt 
freilich nicht von ungefähr. Denn in der 
Tat haben so manche Arbeitgeber keine 
große Freude mit der Idee eines Be-
triebsrats. Hier muss allerdings von je-
nen abgesehen werden, die grundsätz-
lich etwas gegen die Mitbestimmung 
ihrer Beschäftigten haben – diese sind 
oftmals auch nicht in den kleineren Be-
trieben zu finden. Nein, auch viele Che-
fInnen von Klein- und Mittelbetrieben 
haben Vorbehalte, weil auch sie der 
Meinung sind, dass man mit ihnen doch 
reden könne. Das mag ja auch wirklich 
so sein. Was diese Haltung allerdings 
übersieht: Arbeitgeber und ihre Mitar-
beiterInnen haben unterschiedliche In-
teressen. Sich dessen nicht bewusst zu 
sein führt dazu, dass es noch schwieriger 
wird, wenn ein Konflikt ausbricht. Die-
ser nimmt schnell persönliche Züge an, 
statt zu einer Suche nach einer Lösung 
auf der sachlichen Ebene zu werden. 
Wichtige Vermittlerrolle
Genau in dieser Situation können Be-
triebsrätInnen eine wichtige Vermittler-
rolle einnehmen. Vor allem aber können 
sie dazu beitragen, dass so manche Kon-
flikte gar nicht erst entstehen. Denn sie 
haben ein offenes Ohr für die Anliegen 
der Beschäftigten und können somit auf 
so manches Problem aufmerksam ma-
chen, bevor es zu einem großen Problem 
wird – und mit den Beschäftigten wie mit 
den Arbeitgebern darüber nachdenken, 
wie Lösungen aussehen könnten. 
Das Interessante ist, dass nicht nur 
Beschäftigte es zu schätzen wissen, wenn 
sie einmal in den Genuss einer Firma 
mit Betriebsrat gekommen sind. Auch 
Arbeitgeber selbst sehen Betriebsräte 
positiv, wenn sie mit ihnen zu tun ha-
ben, wie eine FORBA-Untersuchung 
zeigt. Die Argumente sind bemerkens-
wert: Die Einbindung des Betriebsrats 
führe zu mehr Engagement der Mitar-
beiterInnen; oder: der Betriebsrat helfe 
dabei, die Arbeitsleistung zu verbessern. 
Der Betriebsrat verkommt zum Ins-
trument der Arbeitgeber, könnte man 
nun unken. Natürlich, bisweilen gibt es 
entsprechende Versuche. Es ist für Be-
triebsräte jedenfalls eine Herausforde-
rung und sie sind gut beraten, sich nicht 
zum Sprachrohr der Firmen für Sparplä-
ne zu machen. Wie ein Betriebsratsmit-
glied mir erzählte, ist das Problem Fol-
gendes: Informieren sie nicht, regiert die 
Gerüchteküche. Hier die richtige Balan-
ce zu finden ist sicher eine Herausforde-
rung. Allerdings bemühen sich die Be-
triebsrätInnen redlich, ihrer Aufgabe als 
Sprachrohr der Beschäftigten gerecht zu 
werden. 
Als Sprachrohr richten sie sich aller-
dings nicht nur an ihre direkten Arbeit-
geber. Eine große österreichische Errun-
genschaft besteht darin, dass nach wie 
vor 95 Prozent der Beschäftigten von 
Kollektivverträgen erfasst sind. Auf sozi-
alpartnerschaftlicher Basis können Be-
triebsrätInnen so manche Innovationen 
vorantreiben, wie das Beispiel der Ener-
giewirtschaft zeigt, über das wir in die-
sem Heft berichten (siehe „Sprachrohr 
und PionierInnen“, S. 28–33). 
Kurzum: Richter braucht es bei 
Konflikten am Arbeitsplatz hoffentlich 
wirklich nicht allzu oft. Sehr wohl aber 
profitieren alle Seiten davon, wenn es 
einen Betriebsrat gibt. Deshalb an dieser 
Stelle auch einmal ein großes Danke-
schön an alle, die sich für die Interessen 
ihrer KollegInnen einsetzen! 
Standpunkt
Sonja Fercher
Chefredakteurin
Arbeit&Wirtschaft
        

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