Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1976 Heft 3 (3)

Deshalb sollten sich auch die verteilungspolitischen Bemühungen auf
die primäre Einkommensverteilung konzentrieren. »Eine Umverteilung
der primären Einkommen nimmt von denjenigen, die durch außergewöhn¬
lich viel Glück oder Fähigkeit ausgestattet sind, Einkommen, noch bevor
sie eine präzise Vorstellung davon haben, was ihnen gerechterweise
>gebührt<.«29
• Angesichts der gesellschaftspolitischen Situation in Österreich müßte
eine »Umverteilung« der Primäreinkommen sowohl staatlicherseits als
auch von Seiten der Gewerkschaften ausgehen. Was den Staat betrifft,
so könnte dieser einerseits bei der Gehaltspolitik im öffentlichen Sektor
im engeren Sinn, anderseits bezüglich der Managergehälter im gesamten
verstaatlichten Bereich einen beispielgebenden Einfluß ausüben. Die Ge¬
werkschaften wieder könnten sowohl anläßlich der Kollektivvertragsver¬
handlungen als auch im Rahmen der betrieblichen Mitbestimmung die
hohen, insbesondere die Spitzengehälter stärker einer Diskussion unter¬
ziehen. Als erster Schritt könnte im Sinne vermehrter Transparenz die
Veröffentlichung der Gehälter verlangt werden.
Auch wenn aus den Diskussionen unmittelbar keine Umverteilung der
Primäreinkommen erfolgt, so könnte dennoch die Selbstverständlichkeit,
mit der hohe Einkommensunterschiede zur Kenntnis genommen und mit
der Eingriffe in ein »gerechtes« Entlohnungssystem abgewehrt werden,
ins Wackeln gebracht werden. Damit erhielten auch Umverteilungsbestre¬
bungen eine größere Chance auf Verwirklichung.
2. Die Analysen der VerteilungsWirkungen der Staatseinnahmen haben
im großen und ganzen eine nur leicht progressive Belastung der Einkom¬
men gezeigt. Umverteilungen haben sich zwischen den Spitzeneinkommen
und den untersten Einkommen ergeben. Der mittlere Bereich zeichnet
sich durch eine proportionale Belastung aus. Allerdings ist dies ein
Ergebnis einer progressiven Belastung durch die Einkommensteuer und
einer regressiven Belastung durch die indirekten Steuern. Es ist interes¬
sant, daß die die Untersuchungen durchführenden Wissenschafter — zum
Unterschied von vielen Politikern — keinen Grund sahen, von den her¬
kömmlichen Inzidenzannahmen abzugehen.
Als Schlußfolgerung ergibt sich nun folgendes:
• Das Verhältnis von indirekten zu direkten Steuern scheint nach
wie vor für die verteilungspolitischen Auswirkungen der Staatseinnahmen
von Bedeutung.
• Eine progressive Gestaltung der Einkommensteuer muß nicht so
sehr von der Tarifgestaltung ausgehen. Durch einen Verzicht von nicht
mehr gerechtfertigten Steuerbegünstigungen könnten die theoretischen
Steuersätze mit den effektiven Belastungen der mittleren und oberen
Einkommen stärker in Einklang gebracht werden.
• Auch bezüglich der indirekten Steuern, insbesondere der Umsatz¬
steuer, ist die nähere Ausgestaltung von Bedeutung. So kann ein niederer
Steuersatz für die Güter des täglichen Bedarfs die regressive Wirkung der
Umsatzsteuer nicht unbedeutend vermindern.
• In bezug auf die Einnahmenseite der Sozialversicherung sind vor
allem zwei Überlegungen anzustellen. Erstens ist die Frage zu stellen, ob
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