Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1976 Heft 3 (3)

KOMMENTAR
Zur
Kapitalismus-
kritik und
Kapitalismus¬
überwindung
Eine Antwort
an F. Lacina und Th. Prager1
Ota Sik
Es sei mir erlaubt, zu dem Kommen¬
tar von F. Lacina und Th. Präger in
»Wirtschaft und Gesellschaft«, betref¬
fend meinen Artikel »Zur Konvergenz¬
problematik«2 Stellung zu nehmen. Die
beiden Autoren beziehen sich nur auf
diesen Artikel, obzwar es ihnen um
eine grundsätzliche Differenzierung
nicht nur von meiner Analyse der ka¬
pitalistischen Ökonomik, sondern, vor
allem im zweiten Teil des Kommen¬
tars, von meinen Vorstellungen über
Systemreformen geht.
Zuerst nun zu den Argumenten be¬
treffend die kapitalistische ökonomi¬
sche Entwicklung.
Wenn ich in dem erwähnten Artikel
von einem relativen Kapitalüberfluß
spreche, dann im Sinne eines eingetre¬
tenen, langfristig sich durchsetzenden
neuen Verhältnisses vom Kapital zu
dem Angebot an Arbeitskräften in in¬
dustriell hoch entwickelten kapitalisti¬
schen Ländern. Es igeht mir also nicht
um jene — im Kapitalismus periodisch
auftretenden — Situationen, in wel¬
chen produktives Kapital als auch
Geldkapital zum Teil überflüssig, un¬
genutzt liegen, weil der Markt, also die
Absatzmöglichkeiten, vorübergehend
hinter den Produktionspotenzen zu¬
rückgeblieben sind. Es geht hingegen
um die Entstehung einer so mächtigen
kapitalistischen Produktionsbasis, bei
welcher — trotz weiterhin wachsen¬
der technischer Zusammensetzung des
Kapitals3 — der Umfang des gesamten
variablen Kapitals schneller wächst als
die Zahl der zur Verfügung stehenden
Arbeitskräfte. Mit dieser kapitalisti¬
schen Entwicklung wurde Marxens aus
der Akkumulation des Kapitals ge¬
zogene Schlußfolgerung widerlegt, ge¬
mäß welcher die Arbeiterklasse gesetz¬
mäßig schneller wachsen würde als
das sie beschäftigende variable Kapi¬
tal, und es daher mit dem Wachstum
des gesamten Kapitals auch zu einem
Wachstum der industriellen Reserve¬
armee kommen werde.4
Durch die Entstehung einer so aus¬
gedehnten kapitalistischen Produktion
wurde auch das variable Kapital der¬
art erweitert, daß die Nachfrage nach
Arbeitskräften in industriell hoch ent¬
wickelten Ländern während einer re¬
lativ langen Nachkriegsperiode schnel¬
ler wuchs als das heimische Angebot
an Arbeitskräften. Auch wenn die
zyklische Entwicklung der kapitalisti¬
schen Produktion nicht überwunden
wurde und diese ein inhärenter Be¬
standteil des kapitalistischen Systems
ist, was ich in meinen Arbeiten immer
wieder betone,5 hat sich dennoch die
Entwicklung der industriellen Reserve¬
armee wesentlich geändert. Nur wäh¬
rend der Nachkriegsrezessionen ent¬
stand jeweils ein relativ kleines Über¬
angebot an Arbeitskräften, während in
den Konjunkturperioden die Nachfrage
größer war als das Angebot. Dies ist
ein wesentlicher neuer Faktor gegen¬
über der früheren kapitalistischen Ent-
83
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.