Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1978 Heft 4 (4)

Verteilungsgerechtigkeit« schon grundsätzlicher behandelt wurde. Der weitere wirtschaftspolitische Kurs der Bundesrepublik Deutschland wird vom Kompromiß auf diesen Trade-off abhängen. Einkommenspolitik und Verteilungsgerechtigkeit Angesichts der beschriebenen öffentlichen Diskussion um die Ver¬ teilungskampfhypothese wurde in der Kommission unter der Überschrift »Für ein besseres Verständnis des Verteilungskampfes« zunächst einmal für die Versachlichung der Auseinandersetzung plädiert. Dann wurden gängige Lohnleitlinien — produktivitätsorientierte und kostenniveau- neutrale Lohnpolitik — analysiert und von der Mehrheit der Kommission abgelehnt, weil sie den Konflikt zwischen Effizienz und Verteilung oder Stabilität und Verteilung einseitig zu Lasten der Verteilung entscheiden. Jede solche Lohnleitlinie setzt ein Werturteil über die Verteilung voraus. Welches Werturteil über die Verteilung »neutrale Wissenschaftler« in der Regel fällen, das wird in einem umfangreichen Minderheitsvotum der Arbeitgebervertreter in der Kommission deutlich, indem sie die einkommenspolitische Konzeption des Sachverständigenrats als wissen¬ schaftliche Begründung der eigenen Verteilungsvorstellungen ins Spiel bringen. Läßt man es einmal dahingestellt, ob es die Figur des »neutralen Wissenschaftlers« oder »Weisen« — eine Vorstellung, die in der Bundes¬ republik Deutschland immer noch gepflegt wird — überhaupt gibt, so scheint im Endeffekt die Beteiligung der Wissenschaftler am Verteilungs¬ kampf diesen eher stabilitätswidrig zu verschärfen. Einig waren sich die Tarifparteien wieder darin, daß weiter nach Bedingungen gesucht werden muß, unter denen eine Einkommenspolitik zur Stabilisierung der Wirtschaft beitragen kann. Dazu gehört, daß der Verteilungskampf nicht durch die Kapitulation der einen Seite beendet werden kann. Die Einkommenspolitik ist deswegen so wichtig, weil der Erfolg der gesamtwirtschaftlichen Steuerung ungewiß geworden ist, und — weil eine erfolgreiche Dämpfung eines Inflationsschubes erhebliche Produktions- und Beschäftigungseinschränkungen bedingt. Da ohne die Beachtung von Verteilungsgesichtspunkten eine ein¬ vernehmliche Einkommenspolitik unmöglich ist, haben sich die Tarif¬ parteien zunächst auf die Erörterung von Verteilungsfragen konzentriert. Dabei bestand relativ rasch Klarheit darüber, daß die Auseinander¬ setzung nicht bei der Lohnquote als Maß der Verteilung stehenbleiben darf. Außerdem einigte man sich darauf, daß die unterschiedlichen Vor¬ stellungen von »Verteilungsgerechtigkeit« nicht einfach zu ignorieren seien. Man einigte sich jedoch auf verschiedene Dimensionen der Ein¬ kommens- und Vermögensverteilung und deren Operationalisierung. Gemeinsam wurde in einem genau ausgearbeiteten Plan gefordert, daß wesentliche Verbesserungen der Verteilungsstatistik eingeführt werden. Sollten die politischen Instanzen diesen gemeinsamen Vorschlag der Tarif¬ parteien aufgreifen, so haben sie einen strategischen Beitrag zu einer realistischen Einkommenspolitik geleistet. Natürlich ist der Verteilungs¬ konflikt nicht allein durch die Beachtung der Mehrdimensionalität des 336

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