Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1979 Heft 3 (3)

Auch die Verstaatlichung bzw. die gemeinwirtschaftlichen Unterneh¬
mungen gelten überall als Quelle der Mißwirtschaft und Verschwen¬
dung, wobei selten bedacht wird, daß es oft gerade gemeinwirtschaftli¬
che Erfordernisse waren, die zur Verstaatlichung oder Kommunalisie-
rung geführt haben (Bahnen, Energieversorgung usw.). Es ist bezeich¬
nend für den Erfolg der konservativen Propaganda, daß selbst die
Labour-Wähler in Umfragen vor den jüngsten Unterhauswahlen sich
gegen jegliche Ausweitung der Verstaatlichung aussprachen, obwohl
sämtliche verstaatlichten Industrien Großbritanniens (mit Ausnahme
der Stahlindustrie, die — egal ob privat oder staatlich geführt —
weltweit in einer Strukturkrise steckt) seit langem überwiegend sehr
positiv abschnitten. Übrigens fanden die Befragten auch, daß die
(eigenen!) Gewerkschaften zuviel Macht haben!
Und schließlich: Wo eine immer breitere Schicht von Werktätigen
sich allmählich zu kleinen Besitzbürgern wandelt — oder es zu werden
hofft, wo immer mehr Leute in diesem Sinn was zu verlieren haben,
werden allfällige Traditionen solidarischen Verhaltens von ganz andern
Verhaltensmustern überlagert. „Schuld" an „Sozialparasiten", Gast¬
arbeitern, Wohlstands- und sonstiger Verwahrlosung und Kriminalität
ist aber immer und vor allem die „laxe" Staatsführung, also
reformerische Parteien und ihre Regierungen. Für law and order,
Ruhe und Ordnung sorgen immer die Konservativen am besten...
Die Massenmedien, die überall in fast totaler Verfügungsgewalt
konservativer Kräfte stehen, tun das ihre, um die entsprechenden
Grundhaltungen zu produzieren und zu festigen. Dem wird seitens der
sozialdemokratischen oder reformerischen Parteien nur selten syste¬
matisch entgegengewirkt, vielfach gibt es auch hier opportunistische
Anpassung. Vorteile ziehen daraus in kritischen Situationen immer die
„anderen".
Stagnation und Rechtstrend
Die auslaufenden sechziger Jahre waren noch vielfach durch
wachsende Militanz in den Betrieben und an den Hochschulen
gekennzeichnet: Mai 1968 in Paris, heißer Sommer in Italien, Revolte
gegen das Fließband in den Autofabriken der USA, Großbritanniens,
Italiens und anderswo.
Die an der Wende der Dekade einsetzende Stagnation und (nach dem
Ölpreisschock in der Mitte der siebziger Jahre) beginnende neue
Massenarbeitslosigkeit traf die Arbeiterbewegung jedoch weitgehend
unvorbereitet, restriktive Wirtschaftskonzepte und Maßnahmen stießen
auf wenig Widerstand und wurden auch von reformerischen Parteien
und Regierungen praktiziert — wobei die Rechte die eigentliche
vorwärtsdrängende oder besser rückwärtsdrängende Kraft war.
Trotz steter Bemühungen um „flankierende Maßnahmen" für die
sozial Schlechtergestellten: Haben Labour Party oder sozialliberale
Koalition in der Bundesrepublik viel anders reagiert als unverfälscht
280
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.