Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1979 Heft 3 (3)

EDITORIAL
„Perspektiven für die achtziger Jahre" — Von
den Schwierigkeiten wirtschaftspolitischer
Programmatik
Seit den späten sechziger Jahren hat es eine wahre
Inflation an Programmen aller Art gegeben. Die Partei¬
en sind immer häufiger dazu übergegangen, nicht nur
aus Anlaß bundesweiter Wahlen, sondern auch vor
Landtags- oder sogar Gemeindewahlen Plattformen,
Konzepte, Pläne etc. für die verschiedensten Pojitikbe-
reiche zu präsentieren, die nicht selten durch längere
analytische Ausführungen fachwissenschaftlich fundiert
oder zumindest drapiert sind. Daß es bei der stattgefun¬
denen Intensivierung des Programmwettbewerbs zu¬
nehmend schwieriger geworden ist, originell zu sein,
daß der Alterungsprozeß von Schlüsselbegriffen, die
Zeit ihres Herabsinkens zur oder in der Nähe der
bloßen Phrase erheblich verkürzt wurde, war eine
notwendige Begleiterscheinung dieses zu Beginn von
vielen enthusiastisch als „Versachlichung der Politik"
gepriesenen Prozesses.
Wer durch den immer dichter gewordenen Pro¬
gramm-Nebel zu blicken versucht, dem wird nicht
verborgen bleiben, daß die programmatische Grundsub¬
stanz eher einer gewissen Verdünnung unterworfen
war. Soweit dies die ursprünglichen ordnungspoliti¬
schen Gegenpositionen betrifft, wird dies von manchen
begrüßt und von anderen bedauert werden, und dies
aus höchst unterschiedlichen Motiven.
Noch in einer anderen Hinsicht ist eine Veränderung
an der Substanz von Programmen unverkennbar: der
Verlust einer generell formulierbaren obersten Zielset¬
zung für die Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsentwick¬
lung schlechthin, zumindest in dem Sinne, wie dies in
den fünfziger und sechziger Jahren der Fall war.
„Füll Employment in a Free Society" hatte Lord
Beveridge seinen Entwurf einer Wirtschaftspolitik für
die Nachkriegszeit übertitelt. Diese Verbindung einer
wirtschaftspolitischen mit einer ethisch-politischen Ziel¬
setzung ist kennzeichnend für die Aufbruchstimmung
der Nachkriegszeit.
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