Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1979 Heft 3 (3)

Eine Zeitlang hatte es den Anschein, als ob die
Formel für ein neues Muster des gesellschaftlichen
Fortschritts bereits gefunden wäre: „Qualitatives
Wachstum" bürgerte sich erstaunlich schnell als politi¬
scher Schlüsselbegriff für eine neue Zielkonzeption der
Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik ein, die die positi¬
ven Inhalte des alten Wachstums — Vermehrung des
materiellen Wohlstandes dort, wo dies noch sinnvoll
und möglich sein würde — mit den neuen Zielsetzun¬
gen bezüglich Umwelt, Arbeitswelt etc. zu kombinieren
trachtete. Verkürzend ausgedrückt lief diese Strategie
darauf hinaus, dem Wirtschaftswachstum Zügel anzu¬
legen.
Daß sich so viele so rasch des Begriffes „Qualitatives
Wachstum" bedienten, täuschte jedoch mehr Konsens
vor als tatsächlich dahinter steckte. War er für manche
der Ausdruck eines echten Neuansatzes, so gebrauchten
ihn nicht wenige dazu, um alten Wein in neuen
Schläuchen anzubieten und es mit äußerlichen und oft
nebensächlichen Retuschen am traditionellen Konzept
genug sein zu lassen.
Das Konzept des „qualitativen Wachstums" ist — allen
gleichzeitig erhobenen Partizipationsforderungen zum
Trotz — von seiner Komplexität her zumindest ebenso
technokratisch wie das traditionelle Wachstumskonzept.
Die „Sozialindikatorenbewegung" ist wohl von anderen
Schichten und Interessen getragen als die Wachstums¬
ideologie, aber ähnlich wie diese eine Angelegenheit der
Fachleute.
Qualitatives Wachstum ernst genommen implizierte
wohl in wesentlicher Hinsicht eine Umorientierung der
wirtschaftspolitischen Grundkonzeption, jedoch nicht
notwendigerweise einen allzu schroffen Bruch mit der
Vergangenheit. Es ließ eine Brücke zum Einbringen
jener technokratisch-optimistischen Grundhaltung, die
die sechziger Jahre geprägt hatte, bestehen. Die Konti¬
nuität bestand u. a. darin, daß qualitatives Wachstum
ebenso wie das traditionelle Wirtschaftswachstum politi¬
sche Steuerung von Strukturparametern erforderte,
dies in vermehrtem Ausmaß und angereichert um neue
Zieldimensionen.
Dann kam die internationale Rezession 1974/75 und
entzog dieser optimistischen Variante des qualitativen
Wachstums eine wesentliche Voraussetzung — nämlich
jenes zur Unbändigkeit tendierende Wachstum, das
gezähmt werden sollte. Die Vollbeschäftigung, das
langsam zur Selbstverständlichkeit gewordene Neben-
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