Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

SOZIALE MARKTWIRTSCHAFT?
Rezension von: Grundtexte zur
SozialenMarktwirtschaft
Herausgegeben von Wolfgang Stützel,
ChristianWatrin, Hans Willgerodt,
Karl Hohmann.
Gustav Fischer Verlag,
Stuttgart - New York 1981
Ludwig Erhard, der Vater der Theo¬
rie der Sozialen Marktwirtschaft er¬
fand sein Kind in einer ziemlichen
Zwangslage. Einerseits hatte die Be¬
völkerung die bittere Erfahrung der
faschistischen Zwangswirtschaft mit
ihrer Rationierung der Lebensmittel
und Arbeitsdienstpflicht gemacht, an¬
dererseits steckte noch vielen der
Schreck über die Auswirkungen der
Marktwirtschaft in Form der Weltwirt¬
schaftskrise in den Knochen. Es mu߬
te eine Wirtschaftssystem gefunden
werden, das weder nach reiner Markt¬
wirtschaft noch nach Planwirtschaft
aussah. Dies war die Geburtsstunde
der Sozialen Marktwirtschaft. Daß da¬
durch das kapitalistische Wirtschafts¬
system erhalten blieb, war für die
Gründer dieser Theorie sicherlich
Hauptantriebsfeder. Nach den Worten
von Alfred Müller-Armack, dem da¬
maligen Mitbegründer dieses Konzep¬
tes ist die „Soziale Marktwirtschaft
eine geistige Gegenposition zu allen
Arten des Sozialismus".
Einleitend kann gesagt werden, daß
man sich beim Lesen des Buches des
Eindrucks nicht erwehren kann, daß
einerseits vieles immer wieder mit an¬
deren Worten gesagt wird, anderer¬
seits das Buch stark von Ideologie und
Weltanschauung einer bestimmten
Richtung durchsetzt ist. Dies obwohl
Alfred Müller-Armack 1947 noch
schreibt: „Es ist durchaus verfehlt,
wirtschaftliche Fragen immer unter
weltanschaulichem Aspekt zu sehen."
Der erste Teil des Buches „Die Pra¬
xis der Sozialen Marktwirtschaft" ist
hauptsächlich dem Entstehen der So¬
zialen Marktwirtschaft und ihrem
Fortbestehen bis 1950 gewidmet.
Gerade in diesem Abschnitt erkennt
man, wie schnell sich damals die Ver¬
hältnisse und die Meinungen änder¬
ten. Proklamierte Ludwig Erhard 1947
noch „allein die sozialen und wäh¬
rungspolitischen Verhältnisse lassen
eine straffere Planwirtschaft (die Be¬
wirtschaftung aller Güter) unerläßlich
erscheinen", so sprach er 1948 bereits
von einer „Befreiung von der staatli¬
chen Befehlswirtschaft, die alle Men¬
schen in das entwürdigende Joch ei¬
ner alles Leben überwuchernden Bü¬
rokratie zwingt".
Die Währungsreform 1948 sicherte
schließlich den endgültigen Durch¬
bruch der Marktwirtschaft in
Deutschland. Es gab zwar noch kurze
Zeit Bewirtschaftung von Hauptnah¬
rungsmitteln und Grundstoffen, dies
aber nur, weil es auf diesen Gebieten
noch die größten Schwierigkeiten bei
der Versorgung der Bevölkerung gab.
Auch diesbezüglich hatte Alfred
Müller-Armack bereits ein Jahr vorher
konkrete Vorstellungen in Richtung
Marktwirtschaft: „Wenn gegenwärtig
Deutschland seine Versorgung aus
der Weltwirtschaft trotz hervorragen¬
der Welternten in jedem Sinne in Fra¬
ge gestellt sieht, beruht dies einfach
nicht auf einem objektiven Mangel an
Nahrungsmitteln, sondern auf einer
Schwierigkeit, in die die vordringende
Lenkungsapparatur der Weltwirt¬
schaft geraten ist. Eine Änderung ist
nur möglich durch eine unmittelbare
Einschaltung Deutschlands in die
Weltwirtschaft, um durch den deut¬
schen Export die marktwirtschaftli¬
chen Anreize zu einer Mehrproduk¬
tion ... auszulösen."
So bewirkten der große Nachholbe¬
darf sowohl an Konsumgütern als
auch an Produktionsmitteln, der Man¬
gel an Produktionskapazitäten, das
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