Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

INDUSTRIE UND GLÜCK
Rezension von: Peter Löw-Beer,
Industrie und Glück. Der Alternativ-
Plan von Lucas Aerospace. Mit einem
Vorwort von Mike Cooley und einem
Beitrag von Alfred Sohn-Rethel:
Produktionslogik gegen
Aneignungslogik. Verlag Klaus
Wagenbach, Berlin 1981
Die Defizite unseres gegenwärtigen
Wirtschaftssystems - entfremdete Ar¬
beit und Arbeitslosigkeit einerseits,
Mangel und gleichzeitig Überfluß in
der Güterproduktion andererseits -
sind offenkundig, und Mike Cooley,
einer der Initiatoren des Alternativ-
Plans von Lucas Aerospace zur Pro¬
duktion sozial nützlicher Güter, be¬
nennt sie wortreich in seinem Vorwort
zu der bisher ersten geschlossenen
Darstellung dieses sozialen Experi¬
ments. Ausgeblendet bleibt bei seiner
lebhaften Kritik allerdings die Frage,
welche Alternativen zu einem markt¬
wirtschaftlichen, profitorientierten
System bestehen (da er offenkundig
auch keine Sympathien für das staats¬
sozialistische Modell der zentralen
Planung empfindet). So ist ein Gutteil
seiner Kritik im durchaus guten, aber
doch beschränkten Wortsinne „mora¬
lisch": „Der Mensch ,als Produzent' ist
gezwungen, groteske entfremdete Ar¬
beit zu leisten, um Produkte herzustel¬
len, die ihn selbst ,als Konsumenten'
ausbeuten und beherrschen. So wird
die doppelte Rolle jedes Menschen,
nämlich die eines Produzenten und
eines Konsumenten, aufgespalten und
gegeneinander ausgespielt" (S. 7). Wie
dieses wechselseitige „Ausspielen"
vermieden werden soll, ohne nicht
gleichzeitig die Güterversorgung er¬
heblich zu verschlechtern (ein be¬
kanntes Problem staatssozialistischer
Länder), bleibt generell unklar, auch
wenn man den Alternativ-Plan des
gewerkschaftlichen „combine" im bri¬
tischen Rüstungskonzern Lucas Aero¬
space für ein konkretes - wenn eben
auch nicht leicht generalisierbares -
Lösungsbeispiel halten mag. Im mora¬
lischen Überschwang wird dann auch
Taylor stillschweigend unterstellt,
sein Auswahlkriterium für das be¬
rühmt-berüchtigt gewordene Verla¬
den von Roheisen bei der Bethlehem
Steel Co. - Männer mit der Körper¬
kraft (und der Beschränktheit) von
Ochsen - sei sein Bild vom Industrie¬
arbeiter schlechthin gewesen. So ein¬
fach geht eine Kritik des Taylorismus
nicht.
Interessant in Cooleys Vorwort sind
dagegen seine Überlegungen zur Er¬
setzung digitaler Verfahren durch
„Analogprogrammierung": „Dabei
wird die Information zur Steuerung
der Maschine in analoger Form über¬
tragen, indem man eine Kurbel dreht,
einen Steuermechanismus bedient
oder eine andere Bewegung macht,
die Auge und Hand gleichermaßen
beteiligt, wobei eine Datenanzeige mit
adäquater Präsision die Anweisungen
für den Herstellungsprozeß liefert"
(S. 13). Dieser Ansatz hat beim Alter¬
nativ-Plan eine wichtige Rolle ge¬
spielt; naiv-optimistisch sind dagegen
Sätze wie folgender: „Die Deutsche
Mark kann man nicht essen, man kann
in ihr nicht wohnen, man kann sie
auch nicht als Fahrzeug benutzen.
Sollte sie verschwinden, würden die
Bäcker immer noch Brot backen und
die Konstrukteure immer noch ihre
Pläne entwerfen" (S. 16). Schon rich¬
tig - nur würde nach aller menschli¬
chen Vorhersicht dann etwas anderes,
aber in der Funktion nicht allzu Ver¬
schiedenes an die Stelle der so nutzlo¬
sen D-Mark treten.
Peter Löw-Beer beginnt seine Dar¬
stellung mit einer kurzen Darlegung
der „britischen Krise", häufig auch als
„britische Krankheit" apostrophiert,
und weist dabei zu Recht darauf hin,
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