Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

langfristiger Entwicklung entspricht das im Vordergrund stehende
Interesse an technischen und sozialen Veränderungen. Die Auswirkun¬
gen eines monetären Sektors auf die reale Ökonomie werden zwar
immer wieder angedeutet, aber nicht wirklich untersucht.
Dies hat noch eine zweite Ursache: der monetäre Sektor als Produkt
einer Marktwirtschaft schien Marx der unproduktive Sektor schlecht¬
hin. Da in einer freien Gesellschaft die ökonomischen Beziehungen der
Individuen „einfach und durchsichtig" seien, bedarf es daher keines
monetären Sektors20. Die im Kapitalismus darauf angewandte Arbeit ist
verschwendete Arbeitskraft, die entweder den gesellschaftlichen Reich¬
tum an Gebrauchswerten beeinträchtigt oder die gesellschaftlich not¬
wendige Arbeitszeit verlängert. Dieser implizite Vergleich zu einer
sozialistischen Gesellschaft, der wie oben bereits angeführt, sich durch
das ganze Werk von Marx zieht, verhindert die Analyse der produktiven
Aspekte des monetären Sektors.
Mit Marx kann man sich hier kritisch gegen den herrschenden Begriff
des Volkseinkommens wenden, in dem jedes Einkommen, das am
Markt erzielt wird, einen positiven Beitrag zum gesellschaftlichen
Reichtum darstellt. Einkommen, die auf Grund von Arbeit entstehen,
die bei alternativer gesellschaftlicher Organisation nicht notwendig
sind, müssen als Verschwendung betrachtet werden. Klar ist, daß diese
Idee nicht als analytische Ökonomie, sondern als Aufklärung im oben
angedeuteten Sinn zu verstehen ist.
Bedauerlich ist, daß die bei Marx vorhandenen Ansätze einer Krisen¬
theorie und einer Theorie monetärer Institutionen nicht weitergeführt
wurden. Die Wertformanalyse wurde lange Zeit übersehen. Zwar berief
man sich auf Marx, wenn man die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus
anführte, übersah jedoch, wie Marx argumentierte. 1.1. Rubin, der diese
Ansätze aufgriff, konnte daran nicht weiterarbeiten, da er bald in den
Stalinschen Lagern verschwand. Die neuaufgelebte Diskussion um die
Wertform anfangs der 70er Jahre flaute bald wieder ab, da sie anstatt zu
einer Untersuchung von Finanzinstitutionen und deren Auswirkungen
auf die Gesellschaft fortzuschreiten, in philosophischen Spitzfindigkei¬
ten sich verlief. Tragisch ist es aber, daß die Sozialdemokratie, die das
Schicksal der Arbeiter schon im Kapitalismus verbessern wollte und
daher zur Analyse kurzfristiger Probleme vorstoßen sollte, lange Zeit
dazu sehr wenig zu sagen gehabt hat. Ihr Festhalten an den langfristigen
Aspekten des Kapitalismus, so wie sie sich bei Marx finden, mußte
wirtschaftspolitische Überlegungen zur Bekämpfung der Wirtschafts¬
krise erschweren. Bei Hilferding ist der Bankensektor nicht monetärer
Sektor, sondern Beherrscher der Industrie. Das ist zwar ein wichtiger
Aspekt, reicht aber nicht aus Finanzinstitutionen zu verstehen. Eine bei
Marx anknüpfende Theorie monetärer Institutionen und deren Auswir¬
kungen auf die Gesellschaft - ein „linker Monetarismus" - hätte vieles
leichter gemacht.
3) Die für Marx wichtigste Folgerung aus der Tatsache der Abstrakt¬
heit des Reichtums im Geld ist das Zurücktreten des Interesses am
Gebrauchswert gegenüber dem am Tauschwert. Die ökonomischen
25
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.