Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

3.3 Indem der Kapitalist die Produktion organisiert und durch
ständige Änderungen des Produktionsprozesses seinen Profit erhöhen
will, läßt er gesellschaftlichen Reichtum produzieren. Genau darin liegt
für Marx die Fortschrittlichkeit des Kapitalismus. Da das Mehrprodukt,
im Kapitalismus also der Mehrwert, eine Voraussetzung für Akkumula¬
tion und technischen Fortschritt ist, ist Ausbeutung im Kapitalismus
eine Voraussetzung für die Erhöhung des gesellschaftlichen Reichtums.
Für Marx muß der Kapitalist nicht vor Sittlichkeit triefen, wie in
manchen Facetten der Neoklassik: der Profit ist nicht der Ertrag für den
Aufschub des Konsums.
Weil die Kapitalisten über das gesellschaftliche Kapital verfügen und
die Arbeiter zur Arbeit zwingen, bedarf es keiner individuellen Motive
zur Akkumulation. Die Kapitalisten dürfen zwar nicht beliebig konsu¬
mieren, aber sie sind, gemessen an den Arbeitern, so reich, daß ihr
Sparen nicht als Verzicht erscheint.
Der Kapitalist kann durchaus ein Bösewicht sein, der schon jetzt
gerne konsumiert. Entscheidend für die Akkumulation und damit für
den Fortschritt ist die Frage, ob er sich der Mühe des Ausbeutens
unterzieht. Der Kapitalist bei Marx sorgt für langsam steigenden
Wohlstand, indem er möglichst viel akkumuliert, und das heißt bei
Marx, die Arbeiter möglichst effizient ausbeutet. Die Kapitalisten
schaffen so die Möglichkeit einer freien Gesellschaft, die doch keine
Freiheit in Armut sein soll.
Dies erklärt das im Grunde genommen zynische Verhältnis von Marx
zur Ausbeutung.
„Der Kapitalist als Repräsentant des in seinem Verwertungsprozeß
begriffenen - des produktiven Kapitals - verrichtet eine produktive
Funktion, die gerade darin besteht, produktive Arbeit zu dirigieren
und zu exploitieren. Im Gegensatz gegen Mitzehrer der Surplusvalue,
die in keinem solchen unmittelbaren und tätigen Verhältnis zu ihrer
Produktion stehen, ist seine Klasse die produktive Klasse par excel-
lence." (Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses p. 74)
Er beklagt die Ausbeutung und ihre Auswirkungen, er bekämpft sie,
aber stellt immer wieder die historische Notwendigkeit des Kapitalis¬
mus fest27.
„Nur soweit der Kapitalist personifiziertes Kapital ist, hat er einen
historischen Wert und jenes historische Existenzrecht... Nur soweit
steckt seine eigne transitorische Notwendigkeit in der transitorischen
Notwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. Aber soweit
sind auch nicht Gebrauchswert und Genuß, sondern Tauschwert und
dessen Vermehrung sein treibendes Motiv. Als Fanatiker der Verwer¬
tung des Werts zwingt er rücksichtslos die Menschheit zur Produk¬
tion um der Produktion willen, daher zu einer Entwicklung der
gesellschaftlichen Produktivkräfte und zur Schöpfung von materiel¬
len Produktionsbedingungen, welche allein die reale Basis einer
höheren Gesellschaftsform bilden können, deren Grundprinzip die
volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist. Nur als Personifi-
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