Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

kation des Kapitals ist der Kapitalist respektabel." (Kapital Bd. 1,
p. 618)
Die Versachlichung des Ausbeutungsverhältnisses kann nicht bloß
als Verschleierung gegenüber den Ausgebeuteten gesehen werden. Die
Ausbeutung wird nicht hinter einem technischen Arbeitsverhältnis
versteckt, sondern der technisch organisierte Arbeitsprozeß ist Ausbeu¬
tung, solange die Kapitalisten diesen Prozeß organisieren. Sie selbst
sind dabei nicht frei, nicht die eigentlichen Herren: sie müssen - bei
Strafe des eigenen Untergangs - die Produktion immer besser organi¬
sieren, sie müssen immer mehr ausbeuten.
Nicht die Kapitalisten sind die Subjekte, sondern das Kapital als eine
alle beherrschende und allen entfremdete Macht. Das Kapital - aufge¬
spalten in viele Kapitalien - als der Herr der Welt ist bei Marx die
eigentliche Gesellschaft.
Diese Verselbständigung des Kapitals auch gegenüber den Kapitali¬
sten, die reale Abstraktion des Kapitals gegenüber der Gesellschaft, ist
in die akademische Ökonomie nicht zu integrieren: ist doch die Ökono¬
mie schlechthin die Theorie von individuellem Handeln unter bestimm¬
ten Bedingungen. Diese Denkvoraussetzung der theoretischen Ökono¬
mie - eng mit dem Rationalitätspostulat verknüpft - setzt die Indivi¬
duen voraus. Daß die Produktionsmöglichkeiten und Präferenzen der
Individuen z. B. etwas mit gesellschaftlicher Stellung zu tun haben,
wird zwar von ihr nicht bestritten, aber als Forschungsprogramm in die
Soziologie und verwandte Wissenschaften abgedrängt. Theoretische
Ökonomie hört dadurch auf Sozialwissenschaft zu sein, bzw. reduziert
diesen Anspruch auf interdisziplinäre Veranstaltungen, in denen Öko¬
nomen, Soziologen etc. - in dem sie sich dauernd der gegenseitigen
Hochachtung versichern, ohne auch nur in der Lage zu sein, die
Fachkompetenz des Gesprächspartners zu beurteilen - auf dem jeweils
anderen Gebiet dilettieren.
Der emphatische Begriff von Gesellschaft, wie er der Marxschen
Theorie des Kapitalismus zugrunde liegt, kann aber der einzelnen
Gesellschaftswissenschaft in ihrer Arbeitsteilung und Spezialisierung
nicht ohne weiteres entgegengehalten werden. Nirgends ist das so gut
zu sehen wie am Begriff des Kapitals: Reduziert man Akkumulation auf
individuelles gegebenes Verhalten, so muß doch etwa verborgen blei¬
ben, wieso in einer reichen Welt die Steigerung der Produktivität als
wichtiges Problem erscheint; läßt man aber individuelles Handeln
außer Betracht, reduziert man Kapital auf den Begriff des „sich verwer¬
tenden Wertes", so wird aus der politischen Ökonomie eine Mythologie.
3.4 Eine Funktion hat der Unternehmer bei Marx nicht: das Aufsu¬
chen neuer Bedürfnisse und deren Befriedigung28. Das ist nicht einfach
ein Übersehen einer sicherlich langfristig wichtigen Funktion von
Unternehmern, sondern entspricht dem Grundproblem der Marxschen
Ökonomie. Da der Lohn der Arbeiter einem irgendwie bestimmten
sozialen Minimum entspricht, sind die Arbeiter im großen und ganzen
vom produzierten Reichtum der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Kapi-
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