Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1982 Heft 1 (1)

3. Investition, Sparen und Finanzieren
In den bisherigen Überlegungen wurde von den Unternehmern und
Arbeitern gespart und daraus ein Kapitalstock der Arbeiter und Unter¬
nehmer gebildet. Das Modell spielte in der güterwirtschaftlichen
Sphäre. Realiter sparen die Arbeiter aber nicht güterwirtschaftlich, sie
kaufen keine Investitionsgüter, sondern bilden Finanzkapital. Nur die
Unternehmen investieren und der Kapitalstock gehört auch zum über¬
wiegenden Teil den Unternehmern9.
Eine Analyse kurz- und langfristiger Entwicklung sollte die Interak¬
tion zwischen effektiver Nachfrage, Verteilung und Finanzierung
betrachten, wodurch sich zum Pasinetti-Modell einige Modifikationen
ergeben. Im vorhergehenden Ansatz10 führt ein Anstieg des Arbeiterspa¬
rens zu einer Erhöhung der Investitionsgüternachfrage im Ausmaß des
Rückgangs der Konsumgüternachfrage, womit Ungleichgewichte nicht
möglich sind. Sparen die Arbeiter Finanzkapital, so sind die Wirkungen
nicht determiniert: Die Unternehmer können die Investitionen auf¬
grund des Einnahmenausfalls um den gleichen Betrag senken oder das
zusätzliche Sparen der Arbeitnehmer durch zusätzliche Fremdfinanzie¬
rung übernehmen. Preissteigerungen wirken sich unterschiedlich auf
den Kapitalstock der beiden Gruppen aus. Ändern sich die Preisni¬
veaus von Kapital- und Verbrauchsgütern ähnlich, so führt ein Preisni¬
veauanstieg zu einer Wertsteigerung des Kapitalstocks der Unterneh¬
men, während der Wert der Finanzaktiva der Arbeiter, die zumeist
Nettosparer sind, abnimmt, während der Wert der Finanzpassiva, die
Netto die Unternehmen halten, auch abnimmt. Zinsschwankungen, die
auf Preisniveauschwankungen reagieren, mildern diese Effekte11.
3.1 Einkommensverteilung und Finanzierung im Konjunkturverlauf
Das folgende Modell12 versucht die finanzielle Sphäre in die Analyse
miteinzubeziehen13. In einem stilisierten Fall kann man davon ausge¬
hen, daß die Arbeiter ihr Sparvolumen bei den Finanzintermediären
(Kreditunternehmen, Versicherungen) anlegen, die auch die Quelle für
die Fremdfinanzierung der Unternehmen sind. Gleiches soll für das
Sparvolumen der Unternehmer aus den ausgeschütteten Gewinnen
(scD) gelten. Daneben finanzieren die Unternehmen ihre Investitionen
aus den thesaurierten Gewinnen (PTH):
(10) I — PTH = scD + Sw (W + Pw)
Der Teil der Investitionen, der nicht innenfinanziert ist, muß defini¬
tionsgemäß gleich der Fremdfinanzierung bzw. gleich dem Angebot an
Finanzkapital durch Arbeiter und Unternehmer sein.
Kann ein Unternehmen seine geplanten Investitionen nicht vollstän¬
dig innenfinanzieren, ist es auf die Fremdfinanzierung durch die
Finanzintermediäre angewiesen. Der Wunsch nach Fremdfinanzierung
kann als im Konjunkturverlauf variabler Verschuldungsmultiplikator
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