Full text: Expansion, Stagnation und Demokratie - 1982 Heft 2 (2)

Nach seiner Entlassung glückte ihm im Frühjahr die Emigration nach
England. Auch Rieger entging 1940 nicht der Internierung und Deporta¬
tion nach Kanada. Erst 1942 konnte er wieder nach England zurückkeh¬
ren. Um eine wirtschaftliche Existenzgrundlage zu finden, erlernte er
den Beruf eines Instrumentenmachers und war 1942 bis 1947 als
Monteur, später bei der Austrian Travel Agency beschäftigt.
Rieger betätigte sich gewerkschaftlich als Shop steward und als
Mitglied der Amalgamated Engeneering Union, sowie als Mitglied der
Vereinigung österreichischer Gewerkschafter in England. Er gehörte
dem Austrian Labour Club, der Labour Party und der Fabian Society
an.
In seiner Freizeit widmete er sich dem Studium der Wirtschaftswis¬
senschaft an der Universität London, wo er 1947 den „B. Sc. Econo-
mics" (Hons.) erwarb. Diesem Studienabschluß folgte ein Postgraduate-
Studium an der London School of Economics.
1952 bis 1957 war Philipp Rieger „Education Offlcer" bei der Pakistan
High Commission. Dabei oblag ihm die Betreuung von etwa 2000 paki¬
stanischen Studenten, Beamten, Lehrlingen etc., die sich zu Ausbil¬
dungszwecken in England aufhielten.
Es dauerte bis zum Jahre 1957, bis Rieger wieder nach Österreich
zurückkehrte. Auf Vorschlag von Stefan Wirlandner, mit dem er
gemeinsam ein Jahr in kanadischer Internierung verbracht hatte,
wurde er in die neu gegründete wirtschaftswissenschaftliche Abteilung
der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien berufen, die damals
aus Eduard März, Ernst Veselsky und Romuald Riedl bestand. Philipp
Rieger übersiedelte später - als deren Leiter - in die statistische
Abteilung. 1963 wurde er erster Geschäftsführer von Arbeitnehmerseite
des neu gegründeten Beirats für Wirtschafts- und Sozialfragen. 1960
hatte er an der Wiener Universität den Grad des Dr. rer. pol. erworben.
1965 verließ Philipp Rieger die Arbeiterkammer und ist seither als
Mitglied des Direktoriums der Oesterreichischen Nationalbank tätig.
1978 wurde er in dieser Funktion zum stellvertretenden Gouverneur
Österreichs im Internationalen Währungsfonds ernannt.
Publizistisch ist Philipp Rieger durch zahlreiche statistische Arbeiten
und wirtschaftspolitische Aufsätze hervorgetreten. Nach seiner Rück¬
kehr aus Großbritannien erkannte er seine Aufgabe vor allem darin,
Konzepte der modernen Nationalökonomie für die Forschung, vor
allem aber für die Wirtschaftspolitik in Österreich fruchtbar zu machen.
Beim damaligen Stand Österreichs auf diesen Gebieten bot sich daraus
ein weites Betätigungsfeld. Es ging dabei zunächst um die Rezeption
der keynesianischen Lehren und ihrer Konsequenzen für eine wirt¬
schaftspolitische Strategie der Gewerkschaftsbewegung. Darüber hin¬
aus stellte sich an der Wende von den fünfziger zu den sechziger Jahren
die Frage nach der mittelfristigen Entwicklungsperspektive Österreichs
sowie nach geeigneten Strategien und Konzepten für eine moderne
Wachstums- und Investitionspolitik. In seiner 1962 erschienenen Bro¬
schüre „Die Teuerung" kritisierte Philipp Rieger die Konzept- und
Perspektivlosigkeit der damaligen Wirtschaftspolitik und zeigte umriß-
151
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.