Full text: Expansion, Stagnation und Demokratie - 1982 Heft 2 (2)

noch, die Erfolge als Ergebnis der Wirtschaftspolitik erscheinen. Das
Zeitalter unbeschränkter wirtschaftspolitischer Machbarkeit schien an¬
gebrochen.
Alles schien überdies so wunderbar leicht zu gehen. Genügend
technischen Fortschritt vorausgesetzt, der aber wie Manna vom Him¬
mel zu fallen schien, genügten Investitionen, um rasches Wachstum
und Wohlstandsvermehrung zu alimentieren. Wer die Investitionstätig¬
keit förderte, hatte damit schon wachstumspolitische Beiträge geleistet
und die Berechtigung erworben, die tatsächlichen Wachstumserfolge
als Früchte seines politischen Wirkens zu genießen.
Noch viel einfacher funktionierte das Entstehen von Machbarkeitsil¬
lusionen in der Konjunkturpolitik. Mangels echter Konjunkturrück¬
schläge schien das Wissen um konjunkturpolitische Möglichkeiten
bereits die Wirkung eines Impfstoffes gegen die Beschwernisse kon¬
junktureller Wechselfälle zu besitzen. Wer nicht verdächtigt werden
wollte, an einen geheimnisvollen Zauber zu glauben, konnte darauf
hinweisen, daß der eine oder andere Staat vollbeschäftigungspolitische
Zielsetzungen sogar in Gesetzesform gekleidet oder überdies für den
Ernstfall noch ein konjunkturpolitisches Instrumentarium geschaffen
hatte.
Ähnliches gilt für die Verteilungspolitik. Unter dem Prätext einer
rasch wachsenden Wirtschaft schien das Wachstum selbst das geeignet¬
ste Element einer Verteilungspolitik zu sein, da es die Quelle zur
Überwindung von Armut zu bieten schien, ohne anderen etwas weg¬
nehmen zu müssen. „Zuwachsverteilung statt Umverteilung" lautete
das Motto. Auch die Probleme der Dritten Welt sollten nach diesem
Motte gelöst werden. Nicht zuletzt folgte auch der Aufbau des Wohl¬
fahrtsstaates weltweit diesem Bauplan. Die Staatsquote, letztlich auch
kaum etwas anderes als Ausfluß des Verteilungsverhältnisses zwischen
privatem und öffentlichem Sektor, wurde mit Hoffnung auf Wachs¬
tumszuwächse angehoben.
All dies förderte die Illusion grenzenloser wirtschaftspolitischer
Machbarkeit. Minimale ablaufspolitische Maßnahmen schienen zu
genügen, maximale Wachstums-, Stabilisierungs- und Verteilungser¬
folge zu gewährleisten. Während sich die Nationalökonomie mit immer
praxisferneren modelltheoretischen und ökonometrischen Detailpro¬
blemen beschäftigte, hatte sie die Basis eines vulgärökonomischen
wirtschaftspolitischen Wunderglaubens gelegt. So konnte es gesche¬
hen, daß die wahren Wurzeln der Wirtschaftserfolge vom Unkraut
überwuchert wurden und letztlich kaum auffindbar waren. Nicht das
durch Bretton Woods geschaffene System langfristig überschaubarer
Wechselkursrelationen, nicht der Weltfreihandel oder der Innovations¬
polster des 2. Weltkrieges (mit seinen Verwüstungen und Entbehrun¬
gen) wurden als Wurzeln des Erfolges anerkannt, sondern die eher
marginale Ablaufpolitik.
Während die theoretische Nationalökonomie dank ihrer Praxisferne
niemals in Gefahr geriet, von Tatsachen widerlegt zu werden, widerfuhr
der Wirtschaftspolitik das Unglück zu großen Glücks. Große wirt-
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