Full text: Expansion, Stagnation und Demokratie - 1982 Heft 2 (2)

II
Die Phillipskurve löste, wie ich bereits erwähnte, eine äußerst
umfangreiche empirische, theoretische und wirtschaftspolitische Dis¬
kussion aus, die auch heute noch nicht abgeschlossen ist. Dabei lassen
sich verschiedene Richtungen und Abschnitte erkennen, die zum Teil
einander folgten, zum Teil zeitlich überlappten.
In unmittelbarem Anschluß an die Publikation des Phillips-Aufsatzes
folgte eine - vom Gesichtspunkt der Wissenschaftstheorie aus gesehen
- besonders fruchtbare und kreative Phase. Einerseits wurde - wie es
einer (auch) empirischen Wissenschaft entspricht - das „Experiment"
von Phillips in vielerlei Form überprüft und nachvollzogen. Eine Fülle
von empirischen Studien wurde gestartet, die das relevante Datenmate¬
rial verschiedener Staaten unter dem Gesichtspunkt der Phillipsschen
Hypothese analysierten5. Sie zeigten die Sensitivität der Zusammen¬
hänge in bezug auf die gewählte Periode sowie auf institutionelle und
historische Einflüsse, sie brachten zusätzliche oder alternative Daten
ins Spiel (Preisbewegungen, Profite, Gewerkschaftsstärke etc.) und
ließen kritische Probleme der Messung (welche Arbeitslosenstatistik,
welche Lohn- und Preisstatistiken etc.) und der Methodik (welche
Funktionsform, welche Schätzmethoden etc.) erkennen. Die Resultate
dieser Arbeiten führten rasch zu einem etwas verwischteren Bild der
Phillipskurve. Ob sie bestehe und wie verläßlich ihre Konstanz sei,
mußte nun zeitlich, örtlich und prinzipiell differenzierter gesehen
werden als es Phillips' Arbeit im ersten Augenblick vermuten ließ.
Andererseits setzte parallel zu diesen empirischen Untersuchungen
unmittelbar nach Phillips ein vom Standpunkt der Forschungsstrategie
ebenso wichtiger theoretischer Vorstoß ein. Von der Phillipsschen
Annahme ausgehend, daß die Phillipskurve existiert und ein längerfri¬
stiges Phänomen ist, hielt er nach theoretisch-plausiblen ökonomischen
Grundlagen für dieses Phänomen Ausschau6. Faktoren wie Nachfrage¬
überhang, Gewerkschaftsstärke und Bargaining Power, Lohn- und
Preisbildungsstrategien etc. wurden in ihrem Einfluß auf simultane
Änderungen von Arbeitslosigkeit und Inflation näher durchleuchtet,
wobei verschiedene plausible theoretische Konstruktionen sich mit der
Existenz einer Phillipskurve als vereinbar erwiesen.
Diese beiden Richtungen - an der Phillipskurve orientierte empiri¬
sche und theoretische Überprüfungs- und Erklärungsversuche - sind
der auch heute noch wirksame wissenschaftlich wichtige Niederschlag
des Phillipsartikels und lassen ihn weiterhin bedeutsam erscheinen.
Eine intelligent und pointiert konzipierte Arbeit wirft auf Grund erster
empirischer und theoretischer Überlegungen relevante Fragen und
Zusammenhänge auf und gibt damit der weiteren empirischen und
theoretischen Forschung wichtige Anstöße. In diesem Sinn ist die
Phillipskurve in ihren verschiedenen Ausformungen auch heute noch
bedeutsam und durch die Stagflation nicht beeinträchtigt worden.
Phillipskurvenforschung heute bedeutet eben, das bereits sehr breit
gefächerte Ergebnismaterial der sechziger und frühen siebziger Jahre
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