Full text: Expansion, Stagnation und Demokratie - 1982 Heft 2 (2)

im Lichte neuerer Erfahrungen zu korrigieren, zu ergänzen und zu
erweitern, so daß die Frage, wann Inflation und Arbeitslosigkeit negativ
oder positiv verknüpft sind, stärker in den Mittelpunkt tritt. Die
Phillipskurve als historisches und theoretisches Phänomen erweist sich
weiterhin als hilfreiches Orientierungsprinzip für überaus relevante
Fragestellungen7.
Eine weniger glückliche Entwicklung nahm der ebenfalls in raschem
Anschluß an Phillips' Artikel erfolgte Versuch, von der heuristisch
wertvollen, aber noch auf schwankenden theoretischen und empiri¬
schen Grundlagen beruhenden Phillipskurve einen direkten und ver¬
kürzten Sprung in die wirtschaftspolitische Anwendung zu machen.
Einen entscheidenden Markstein in dieser Beziehung bildete der 1960
erschienene Aufsatz von Samuelson und Solow8, der die wirtschaftspo¬
litische Bedeutung der Phillipskurve in den Mittelpunkt rückte. Der
Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit biete den
Politikern - so wurde argumentiert - im Zielkonflikt zwischen Preissta¬
bilität und Vollbeschäftigung ein „menue of choice", von dem man je
nach sozialen und politischen Präferenzen einen bestimmten Kompro¬
miß zwischen den Preis- und Beschäftigungszielen wählen bzw. Preis¬
stabilität gegen Beschäftigung „tauschen" könne und umgekehrt. Die
Idee eines „trade-off" zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit war
geboren und faßte in Theorie und Praxis rasch Fuß.
Diese Argumentation ging ebenso wie die vorher erwähnte theoreti¬
sche Diskussion von der Annahme einer relativ konstanten Phillips¬
kurve aus. Aber während eine solche Annahme als spekulative Hypo¬
these in theoretischen Überlegungen, die einen beobachteten Phillips¬
zusammenhang aufmögliche Ursachen untersuchen wollen, eine durch¬
aus zulässige Vereinfachung darstellt, kann sie in der wirtschaftspoliti¬
schen Realität tödlich sein, wenn nicht einigermaßen sichergestellt ist,
daß sie auch tatsächlich zutrifft und verläßlich ist. Dazu bedarf es einer
gründlicheren theoretischen Untermauerung, die überdies zeigen muß
- was für die wirtschaftspolitische Anwendung äußerst wichtig ist -, ob
der Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit ein direk¬
ter ist oder über andere Einflüsse, wie z. B. bestimmte Nachfrage- und
Preisbildungsprozesse, hervorgerufen wird. Das kann für die Wahl der
geeigneten wirtschaftspolitischen Instrumente entscheidend sein.
Diese Probleme wurden in der Euphorie der frühen Phillipskurven¬
diskussion zum Teil übersehen, zum Teil übergangen. Wirtschaftswis¬
senschaftler, die in die Praxis hineinwirken wollten, ließen als „schreck¬
liche Vereinfacher" nicht erkennen, daß die Phillipskurve bestenfalls
ein primitiver Ausschnitt aus einem komplexen Geschehen ist, und von
Zielkonflikten geplagte Politiker nahmen die einfache und leicht ver¬
ständliche Botschaft nur allzugerne auf. So entstand die naive Vorstel¬
lung, daß man es tatsächlich mit einem einfachen und direkten „trade-
off" zu tun habe; daß man durch bloße Schaffung von Arbeitslosigkeit
Preisstabilität und durch bloße Inflationspolitik Beschäftigung erhal¬
ten könne und daß es sich überdies dabei um eine symmetrische
Beziehung handle. Obwohl solche Vorstellungen noch immer herum-
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