Full text: Expansion, Stagnation und Demokratie - 1982 Heft 2 (2)

geistern9, so hat doch die Stagflation ein deutliches Signal gesetzt, daß
der Zielkonflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit im Rahmen
dieses primitiven Schemas nicht bewältigt werden kann.
War die trade-off-Debatte eine Entwicklung, welche die Phillipskurve
auf praktisch-empirischer Grundlage zu primitiv und zu unkritisch
akzeptierte, so entwickelte sich zehn Jahre nach Phillips eine theoreti¬
sche Diskussion, welche in den gegenteiligen Fehler fiel, die Phillips¬
kurve aus überwiegend dogmatischen Gründen abzulehnen, „weil nicht
sein kann, was nicht sein darf". Es geht um die Diskussionen, die sich
um den Begriff der „natürlichen Arbeitslosigkeit" gruppieren und die
durch Aufsätze von Friedman und Phelps ausgelöst wurden10. Dogma¬
tisch muß dieser Ansatz deshalb genannt werden, weil er seinen
Hauptanstoß nicht aus dem Motiv erhielt, die historisch zweifellos
vorhandenen Phillipskurvenphänomene näher zu durchleuchten und
zu verstehen, sondern aus der Irritation, daß der Phillipskurvenzusam¬
menhang nicht in das Bild der traditionellen neoklassischen Wirt¬
schaftstheorie mit ihren Annahmen von Vollbeschäftigung, geräumten
Märkten und determinierten relativen Preisen paßt.
In einer solchen Welt kann es nur gewollte „freiwillige" und etwas
friktionelle Arbeitslosigkeit geben. Arbeitskräfte haben, so läuft die
Argumentation, genaue Vorstellungen, zu welchem Reallohn sie arbei¬
ten wollen, und wenn sie den nicht erhalten können, suchen sie (als
vorübergehende Arbeitslose) einen anderen Arbeitsplatz oder scheiden
nach einiger Zeit aus dem Erwerbsleben aus. Diese Sucharbeitslosig¬
keit wird als „natürliche" Arbeitslosigkeit bezeichnet und als die
relevante, modellgerechte Arbeitslosigkeit präsentiert. Daß generelle
Inflationen, welche die Preisrelationen (mehr oder weniger) und damit
die realen Beziehungen (einschließlich des Reallohns) unangetastet
lassen, mit einer Änderung der Arbeitslosenrate einhergehen sollten, ist
mit dieser Sicht nicht vereinbar.
Da diese Sicht bei genügender Paradigmentreue tabuisiert bleibt,
muß die Realität „sichtgemäß" interpretiert werden. Mit geistreichem
Einfallsreichtum wurden Modelle konzipiert, welche vorübergehende
Phillipskurven aus Informationsmangel, „falschen" Erwartungen und
Geldillusion entstehen lassen, ohne daß man den Gedanken der „natür¬
lichen" Arbeitslosigkeit fallen lassen muß. Diese setzt sich im längerfri¬
stigen „natürlichen" Gleichgewicht durch, wo die Irrtümer überwun¬
den sind und die reale Situation voll durchschaut wird. Die Arbeitslo¬
senrate ist auf ihrem „natürlichen", real determinierten Niveau unab¬
hängig von der jeweils herrschenden Inflationsrate, welche nur die
nominellen Größen beeinflußt. Eine längerfristige Phillipskurve gibt es
nicht, darf es nicht geben.
Dieser Ansatz hat - so mag es scheinen - durch das verbreitete
Auftreten von Stagflationserscheinungen eine gewisse empirische
Untermauerung erhalten, da mit ihnen viele der früheren Phillipskur¬
ven nicht nur steiler wurden, sondern auch ganz verschwanden. Aber
wenn auch den neoklassischen Theorien der natürlichen Arbeitslosig¬
keit manche Überraschungen erspart blieben, so können sie zwei Dinge
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