Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1984 Heft 3 (3)

„Krise des Steuerstaats"
Schumpeters Beitrag zur politischen Ökonomie der
Staatsfinanzen - Ein Nachtrag zum hundertsten
Geburtstag von J. A. Schumpeter 1983*
Rudolf Hickel
„Niemals sollte man eigentlich sagen: Der Staat tut das oder jenes.
Immer kommt es darauf an zu erkennen, wer oder wessen Interesse es
ist, der oder das die Staatsmaschine in Bewegung setzt und aus ihr
spricht"
J. A. Schumpeter (1918, 1976, S. 377)1
1. Schumpeters „Krise des Steuerstaats" - Ein verdrängtes Paradigma
Schumpeters innovativer Beitrag zur „Politischen Ökonomie der
Staatsfinanzen" gehört zu den bestgehütetsten Geheimnissen der brei¬
ten Lehrbuch-Finanzwissenschaft. Die vorherrschende Finanzwissen¬
schaft, die nahezu verbindungslos eine entscheidungsorientierte Lehre
staatlichen Handelns im engen Korsett der allgemeinen Gleichge¬
wichtstheorie einer Darstellung von öffentlichen Finanzierungstechni¬
ken - ohne explizite Problematisierung der institutionellen Vorausset¬
zungen gegenüberstellt, gibt kaum einen Zugang zu einer historisch
fundierten Rekonstruktion staatlichen Handelns aus den ökonomi¬
schen Strukturen zu erkennen. Dieser Ansatz einer Verknüpfung
ökonomischer und staatlicher Strukturen firmiert allenthalben unter
der fachsystematischen Rubrik „Finanzsoziologie", die für die heutige
Finanzwissenschaft keine Rolle mehr spielt. So darf es auch nicht
*) Dieser Beitrag basiert auf einem Referat, das anläßlich eines „Schumpeter-Kollo-
quiums" (durchgeführt von Prof. Dr. K.-G. Zinn) an der RWTH Aachen am 28. Oktober
1983 gehalten wurde.
') Zitate aus Schumpeters Buch „Krise des Steuerstaats" stammen aus der Neuauflage
von 1976 und werden direkt mit einer Seitenangabe versehen.
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