Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1985 Heft 3 (3)

ARBEITEREXISTENZ IN DER
SPÄTGRÜNDERZEIT
Rezension von: Michael Mesch,
Arbeiterexistenz in der
Spätgründerzeit. Gewerkschaften und
Lohnentwicklung in Österreich
1890-1914. Hrsg. vom Ludwig-
Boltzmann-Institut für Geschichte der
Arbeiterbewegung, Materialien zur
Arbeiterbewegung Nr. 33, Wien 1984,
376 Seiten.
Über die Gewerkschaftsbewegung
der Spätgründerzeit in Österreich exi¬
stieren schon zahlreiche Arbeiten, es
sei nur an die alten, immer noch recht
brauchbaren und informativen Stan¬
dardwerke von Julius Deutsch und
Fritz Klenner erinnert. Michael Mesch
allerdings gelingt es durch seine Spe-
zialarbeit, der Geschichte der österrei¬
chischen Gewerkschaftsbewegung in
den letzten Jahrzehnten des alten Rei¬
ches noch neue Facetten abzugewin¬
nen. Methodisch von der bisher eher
narrativ-institutionellen Art der Ge¬
schichtsbetrachtung gelöst, deckt er
in strukturierter Betrachtungsweise
den Zusammenhang zwischen der
Entwicklung der Arbeiterlöhne und
der Gewerkschaftsstrategie auf und
wertet unter Anwendung mathema¬
tisch-statistischer, sozialwissenschaft¬
licher Methoden das vorhandene Da¬
tenmaterial erstmals aus und interpre¬
tiert es. Die statistischen Berechnun¬
gen stützen sich auf die Daten der
Unfallversicherung, der Quinquen-
nialberichte der Wiener Handelskam¬
mer (1890), sowie auf die Kollektivver¬
träge mit den Lohnvereinbarungen
der einzelnen Branchen.
In den letzten Jahrzehnten der Do¬
naumonarchie erlebte das alte Reich
eine neue Phase der industriellen Ent¬
wicklung. Nach der staatlichen Tole¬
rierung zentraler Verbände der Ge¬
werkschaften 1892 setzten sich Indu¬
striegruppenprinzip und kronland-
weise Zusammenschlüsse rasch
durch, wobei sich zuerst die Fachar¬
beiter in gewerkschaftlichen Verbän¬
den organisierten, später erst die un¬
gelernten Arbeiter (Kapitel 6 + 7). 1893
wurde in der Gewerkschaftskommis¬
sion eine koordinierende Zentralstelle
gefunden. Mit der gleichzeitigen Wah¬
rung der Streikautonomie der dezen¬
tralen Einheiten und der Schaffung
dezentraler Streikfonds wurden die
Voraussetzungen für Erfolge in Ar¬
beitskonflikten geschaffen.
Mesch untersucht die unterschiedli¬
che Entwicklung der Arbeitereinkom¬
men, sowie die Trends von Nominal-
und Reallöhnen im Durchschnitt der
gesamten österreichischen Reichs¬
hälfte im konjunkturellen und länger¬
fristigen Ablauf von 1890 bis 1914.
Weitere Schwerpunkte seiner Arbeit
sind die Streikbewegungen sowie die
unterschiedliche Entwicklung der Ar-
beitereinkommen in den einzelnen
Ländern Zisleithaniens in Desaggre-
gation, sodaß das West-Ost-Gefälle
deutlich erkennbar ist: die Alpenlän¬
der, Böhmen und Mähren, Schlesien
und Triest weisen die höchsten Ein¬
kommen auf. Für die letzten Jahre der
Monarchie kann der Autor freilich be¬
legen, daß sich das Einkommensdif¬
ferential zwischen den Arbeiter¬
schichten der verschiedenen Regio¬
nen verringert hat. Die Hauptursa¬
chen hiefür waren die Wanderungs¬
tendenzen innerhalb des Reiches, der
zunehmende Grad der Organisation
der nicht-deutschen Arbeiterschaft
und die nun steigenden Anteile der
Facharbeiter bei den Nationalitäten,
besonders bei den Slawen.
Die im Kapitel 8 behandelten regio¬
nalen Lohnunterschiede geben wich¬
tige Hinweise aufeinen bisher unbear¬
beiteten Aspekt der Ursachen des Na¬
tionalitätenkonflikts .
Das Kapitel 9 beschäftigt sich mit
den interindustriellen Lohnunter-
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