Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1985 Heft 3 (3)

zuzustimmen, die diese Inflationsrate in den Griff gebracht hätte. Sie
zogen dann mit großem Stimmaufwand gegen den Preisauftrieb zu
Felde, machten die überhöhten Staatsausgaben und die Macht der
Gewerkschaften dafür verantwortlich und mobilisierten die öffentliche
Meinung für eine restriktive Geldpolitik, für drastische Kürzungen bei
den Sozialausgaben und für eine Beendigung der Indexbindung. Der
Wahlsieg Reagans stellt einen Triumph für diese politischen Vorstellun¬
gen dar. Ich glaube, daß man die Politik des Kabinetts Reagan durchaus
als ganz gezielten und zumindest vorübergehend sehr erfolgreichen
Versuch interpretieren kann, die Arbeiterschaft zu disziplinieren und
zwei Jahrzehnte Sozialpolitik auszulöschen, die in gewissem Ausmaß
zu einer ausgeglicheneren Einkommens- und Machtverteilung geführt
hatte. Die durch die Erhöhung der Energiepreise, durch den technologi¬
schen Fortschritt und die verschärfte internationale Konkurrenz not¬
wendig gewordenen Anpassungsvorgänge sollten von den Marktkräf¬
ten effektuiert werden. Im Jahre 1981 sagte das Wirtschaftsjournal
„Businessweek" vorausschauend, daß die Entwicklung in den achtziger
Jahren zu einem Husarenritt für den amerikanischen Kapitalismus
werden könnte, zu einem Ritt, den das Wirtschafts- und Gesellschafts¬
system vielleicht nicht überstehen würde.
In dem von „Businessweek" entworfenen Zukunftsbild zersplittert
die amerikanische Wirtschaft in disparate Segmente, die immer weniger
einer wirtschaftlichen Globalsteuerung zugänglich sind. Ein uneinheit¬
licher Konjunkturverlauf wird zur Regel. Neue Regionalkonflikte, eine
rasche Verschärfung der Diskrepanzen in der Einkommens- und Ver¬
mögensverteilung spalten die Vereinigten Staaten in ein Volk der
Besitzenden und ein Volk der Habenichtse. Mit der Abnahme von
hochbezahlten Arbeitsplätzen in der Industrie kommt es in zunehmen¬
dem Maß zu einer Fragmentierung der Arbeiterschaft. Die tatsächlichen
Ereignisse der Jahre 1982/83 stellen eine Bestätigung für diese Prognose
dar. Es kommt zur Entwicklung von gespaltenen Konsummärkten, da
ein Viertel der Haushalte über die Hälfte des disponiblen Einkommens
verfügt. Im Nordosten und Mittelwesten der Vereinigten Staaten ist es
schlagartig zur Verlagerung von Kapital und Arbeitsplätzen gekom¬
men, die zu struktureller Arbeitslosigkeit, zum Verfall von Städten und
zur Preisgabe von Infrastruktureinrichtungen führte. Eine mächtige
Bewegung zur Schwächung oder Eliminierung der Gewerkschaften, die
von den durch Reagan ernannten Mitgliedern des National Labor
Relations Board ermutigt wird, hat großen Erfolg. Demoralisierten
Arbeitern, die um ihre Arbeitsplätze bangen, werden Lohnsenkungen
und Änderungen in den Arbeitsvorschriften aufgezwungen. Das Kon¬
kursrecht wird ganz offen dafür verwendet, die Gewerkschaften in die
Knie zu zwingen. Es ist durchaus nicht ausgemacht, daß ein derartiger
„Anpassungsprozeß" die Gesamtleistung und Stabilität der amerikani¬
schen Wirtschaft (im Unterschied zum Abschneiden einzelner Sektoren
und Firmen) verbessern und das Wirtschaftswachstum davon profitie¬
ren wird. Das wäre selbst dann fraglich, wenn dieser Prozeß von der
öffentlichen Meinung getragen, durch eine allgemein akzeptierte Philo-
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