Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 1 (1)

DER FALL DER LIBERALEN WELT 
Rezension von: Eric J. Hobsbawm, 
Das imperiale Zeitalter 1875-1914, 
Campus-Verlag, Frankfurt/New York 
1989, 459 Seiten, DM 78,-
Dieses meisterlich geschriebene 
und enorm informative Werk ist keine 
erzählende oder systematische Dar­
stellung. Der Autor selbst bezeichnet 
es als "die Entfaltung eines Argu­
ments oder auch als die Variierung 
eines Grundthemas". Das "Imperiale 
Zeitalter" ist zwar als Buch in sich 
abgeschlossen, jedoch gleichzeitig der 
dritte Teil eines allgemeinen weltge­
schichtlichen Überblicks über das 
"lange 19. Jahrhundert", das sich von 
1776 bis 1914 erstreckt. 
Das zentrale Thema dieser dreibän­
digen Geschichte des 19.  Jahrhun­
derts ist der Triumph des Kapitalis­
mus und der bürgerlichen Gesell­
schaft in ihrer liberalen Spielart. Der 
erste Band ("Europäische Revolution 
1789-1848") befaßt sich mit der "dop­
pelten Revolution" : der ersten indu­
striellen Revolution in England und 
der amerikanisch-französischen politi­
schen Revolution. Diese doppelte Re­
volution führte zur Eroberung der 
Welt durch die kapitalistische Wirt­
schaft. Das Bürgertum war der Ban­
nerträger der Ideologie des Libera­
lismus. 
Dies ist das Hauptthema des zwei­
ten Bandes ("Die Blütezeit des Kapi­
tals"). Dieser behandelt die kurze Zeit­
spanne zwischen den Revolutionen 
von 1848 und dem Einsetzen der soge­
nannten "Großen Depression" der 
siebziger Jahre, als die Zukunftsaus­
sichten der bürgerlichen Gesellschaft 
und ihrer Wirtschaftsform relativ un­
problematisch erschienen. Wirtschaft­
lich waren die Schwierigkeiten einer 
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Industrialisierung und eines Wachs­
tums, das seine Grenzen in der Enge 
seiner Ausgangsbasis hatte, überwun­
den, nicht zuletzt durch die enorme 
Ausweitung der Weltmärkte. Auch die 
explosive Unzufriedenheit der Armen 
während der ersten Hälfte des 19.  
Jahrhunderts war entschärft. 
Das imperiale Zeitalter hingegen 
wurde von den inneren Widersprü­
chen des Fortschritts durchdrungen 
und beherrscht. Es war eine Ära des 
beispiellosen Friedens in der westli­
chen Welt. In deren Schoß jedoch 
keimte eine Ära von gleichfalls bei­
spiellosen Weltkriegen. Entgegen al­
lem äußeren Anschein nahm die sozia­
le Stabilität innerhalb der Zone der 
entwickelten Industriewirtschaften 
zu. Gleichzeitig brachte diese Zone an 
ihren Ausläufern die Kräfte der Rebel­
lion und der Revolution hervor. 
In dieser Ära kamen plötzlich mas­
senhaft organisierte Bewegungen der 
Lohnarbeiterklasse, die durch den In­
dustriekapitalismus geschaffen wur­
de, auf und forderten den Sturz des 
Kapitalismus. Die politischen und 
kulturellen Institutionen des bürgerli­
chen Liberalismus wurden (zumin­
dest ansatzweise) auf die arbeitenden 
Massen ausgedehnt, zum ersten Mal in 
der Geschichte selbst unter Einschluß 
der Frauen. Diese Ausdehnung erfolg­
te jedoch um den Preis einer Abdrän­
gung der bislang im Mittelpunkt ste­
henden Klasse, des liberalen Bürger­
tums, in die Randzonen der politi­
schen Macht. Für die Bourgeoisie war 
es eine Zeit der tiefen Identitätskrise 
und des Wandels. Wirtschaftliche 
Großunternehmen im Besitz von Ak­
tionären ersetzten mehr und mehr ein­
zelne Personen und ihre Familien, die 
bisher ihre Unternehmen als Eigentü­
mer persönlich führten. 
Ende des vorigen Jahrhunderts war 
die Welt bereits in zwei Sektoren ge­
spalten, die sich allerdings miteinan­
der zu einem einzigen globalen Sy­
stem verbanden. Den entwickelten, 
herrschenden, reichen Ländern stan­
den die rückständigen, abhängigen,
        

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