Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 1 (1)

Industriepolitik in Österreich 
Wilhelmine Goldmann 
Um die Industriepolitik1 eines Landes beurteilen zu können, muß 
man sie im Zusammenhang mit dem Stand seiner industriellen Ent­
wicklung und seiner Industriestruktur sehen. Wenn nun Österreich bis 
heute kein ausgeprägtes industriepolitisches Selbstverständnis besitzt, 
ja viele - auch Ökonomen - gar nicht definieren könnten, was Industrie­
politik eigentlich ist, so ist dies Ausdruck einer sehr diskontinuierlichen 
und von mehreren großen Brüchen gekennzeichneten industriellen 
Entwicklung und einer ebensolchen staatlichen Industriepolitik. 
Die Industrieentwicklung zwischen Liberalismus und 
Protektionismus 
Die Industriepolitik der Monarchie gestaltete sich überaus wechsel­
haft:  Von der Ära des aufgeklärten Absolutismus Maria Theresias und 
Josephs II., die von einer ausgeprägten und aktiven Industrialisierungs­
politik gekennzeichnet war (W. Müller 1983), führte eine Periode indu­
striefeindlichen reaktionären Absolutismus, zur kurzen Blütezeit des 
Liberalismus zu Beginn der 2. Hälfte des 19.  Jahrhunderts. Das kaiserli­
che Patent von 1859 statuierte nach einem 10jährigen Streit zwischen 
Protektionismus und Liberalismus die Gewerbefreiheit. Doch bereits 
1883 folgte ein protektionistischer Rückschlag, als ein Gesetz durch die 
Einführung des "Befähigungsnachweises" und der "handwerksmäßi­
gen Gewerbe" die kurze Periode der Gewerbefreiheit wieder beendete. 
Die extrem restriktive und protektionistische Gewerbepolitik Öster­
reichs war schon damals - um 1900 - ein "internationales Unikum" 
(Koren 1961,  S. 236) und stellt auch heute noch ein Hindernis für eine 
dynamische Entwicklung im industriell-gewerblichen Bereich dar. 
Koren beschrieb das so: 
"In den ständigen strukturellen Schwierigkeiten und konjunkturel­
len Störungen, welche die moderne Industrialisierung schon seit ihren 
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