Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 1 (1)

nicht ausreichen. Kursierende Vorschläge, vorhandenes Pro­
duktionsvermögen, in welcher Form auch immer, unter der 
Belegschaft zu verteilen, sind insofern problematisch, als 
dadurch neue Privilegien entstehen werden, die als unge­
rechtfertigt empfunden werden. Außerdem müssen die ent­
sprechenden Kapital-, insbesondere Beteiligungsmärkte erst 
geschaffen werden. Aus solchen Überlegungen läßt sich der 
Schluß ziehen, daß der Staatsanteil an Wirtschaftsunterneh­
mungen in Osteuropa zwar sinken wird, jedoch auf längere 
Zeit noch erheblich größer sein dürfte als in Österreich, das 
unter den westlichen Ländern den höchsten Staatsanteil 
diesbezüglich aufweist. Umso wichtiger sind die Maßnahmen 
zur "Demonopolisierung", d. h. zur Schaffung eines Wettbe­
werbes zwischen den Unternehmungen, sowie die schritt­
weise Liberalisierung des Außenhandels. 
Überwiegend wird in den osteuropäischen Ländern für 
eine Liquidierung des Comecon plädiert, dessen "System 
und Philosophie kaputt ist" - wie es der Präsident der 
ungarischen Nationalbank kürzlich ausdrückte. Wenn es 
nach seiner Aussage langfristig nur mehr einen Grundtyp von 
Wirtschaftssystem in Europa geben soll, so gibt es auch 
keinen Grund mehr für ein spezifisches osteuropäisches 
Wirtschaftsbündnis. Die Länder Osteuropas werden ihre 
internationalen Wirtschafts- und v. a. Handelsbeziehungen 
zunehmend nach Westen orientieren. Aber auch hier wird 
diese Strukturverschiebung nur mittel- und langfristig 
bewirkt werden können. Der Produktionsapparat läßt sich 
nicht über Nacht umstellen, und vom Standpunkt des kom­
parativen Vorteils wird es wahrscheinlich noch längere Zeit 
sinnvoll sein, daß die osteuropäischen Länder mit Produkten, 
die im Westen nicht wettbewerbsfähig sind, untereinander 
Handel treiben. Rasch ändern werden sich die geschäftlichen 
Formen, in denen sich dieser Handel vollzieht, langsamer die 
quantitativen Anteile der Handelsströme. 
Die unmittelbar ins Auge gefaßten Maßnahmen zur Einlei­
tung der wirtschaftlichen Transformation ziehen kurzfristig 
eine gewisse Senkung des Volkseinkommens und auch man­
che soziale Härten nach sich. Sie enthalten auch nicht unbe­
trächtliche Risken eines Fehlschlages. Geht man davon aus, 
daß die angepeilten kurzfristigen Ziele erreicht werden, so 
eröffnet sich langfristig eine Entwicklungsperspektive für 
Osteuropa, in der sich die internationale Wettbewerbsfähig­
keit dieser Länder stetig verbessert und jenes wirtschaftliche 
Wachstum nachgeholt wird, mit dem in Westeuropa in den 
fünfzig er und sechziger Jahren die Grundlagen für das heu­
tige Wohlstandsniveau geschaffen wurden. Von einer solchen 
Entwicklung Osteuropas sind auch wesentliche Impulse für 
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