Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

gewinnen kann, haben umfassende Verbände ein starkes 
Interesse, derartige Eskalationen zu vermeiden. 
Konsensorientierung und Verstetigung der Erwartungen 
Sozialpartnerschaftlichen Systemen unterliegt ein breiter 
gesellschaftlicher Konsens über vorrangige wirtschaftspoliti­
sche Ziele. Aus einheitlichen Zielsetzungen folgt freilich nur 
dann eine konsensuale Wirtschaftspolitik, falls die Verbände 
weitgehend übereinstimmende Vorstellungen über den 
Zustand und die Abläufe der Wirtschaft haben. Mit zuneh­
mendem Erfassungsgrad der Verbände und Zentralisierung 
der Verhandlungen ist ursächlich eine Tendenz zur Verwis­
senschaftlichung der Verbandspolitik verbunden. In neokor­
poratistischen Systemen werden institutionelle Verkehrun­
gen (in Österreich der Beirat für Wirtschafts- und Sozialfra­
gen sowie die Wirtschaftsforschungsinstitute) getroffen, um 
einen Konsens in der Wahrnehmung der wirtschaftlichen 
"Realität", d. h. bezüglich der Interpretation von Daten und 
der Wirkungsweise von wirtschaftspolitischen Instrumenten 
zu erzeugen. Dies versetzt die Verhandlungspartner und 
Politikberater in die Lage, eine einheitliche Sprache zu 
benützen und erleichtert die Verständigung über konkrete 
Maßnahmen. 
Der hohe Erfassungsgrad der Verbände und die Suche 
nach einer gemeinsamen Sichtweise lenken die Aufmerksam­
keit auf Kreislaufzusammenhänge, auf Interdependenzen der 
Verbandsinteressen, und führen dazu, daß die umfassenden 
Organisationen - gerade in einer offenen Wirtschaft - die 
Verhandlungen nicht als Nullsummenspiel begreifen. 
Die Tatsache, daß in den meisten Ländern mit neokorpora­
tistischem Verhandlungssystem Vollbeschäftigung ein vor­
rangiges Ziel darstellt, erleichtert die Kompromißfindung. 
Moderate Lohnabschlüsse allein sind keine hinreichende 
Bedingung für eine günstige Beschäftigungsentwicklung. 
Gewerkschaften nehmen somit in diesem Fall sofort wirk­
same Kosten auf sich, während die Höhe des Ertrages unsi­
cher ist. Aktive Arbeitsmarktpolitik, Investitionen der Unter­
nehmungen im Humankapital und andere Maßnahmen, wel­
che die Funktionsfähigkeit des Arbeitsmarktes verbessern, 
reduzieren die Unsicherheit in diesem Zusammenhang. 
Die Effekte neokorporatistischer Verhandlungssysteme 
reichen über den Arbeitsmarkt hinaus. Sie beeinflussen die 
Erwartungen der Unternehmer und der anderen Akteure. Die 
durch sie erreichte Reduzierung von Unsicherheit und beste­
henden Destabilisierungstendenzen schafft überhaupt erst 
die Voraussetzungen für einen zielführenden Einsatz von 
Stabilisierungspolitik. 
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