Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

getrunken habe, bezeichnete. Einer seiner liebsten Gesprächspartner 
war er selbst. 
In seinem anderen großen Werk, der Theory of Moral Sentiments, 
heißt es, der vollkommen tugendhafte Mensch zeichne sich durch 
Selbstbeherrschung, Klugheit, Gerechtigkeit und Wohlwollen aus. 
Smith muß diesem Ideal nach allem, was wir über in wissen, recht nahe 
gekommen sein. Er führte ein bescheidenes und zölibatäres Leben; die 
einzige Frau, die darin eine bedeutende Rolle spielte, war seine Mutter. 
Er war liebenswert und hilfsbereit; größere Summen seines ansehnli­
chen Einkommens hat er Armen vermacht. Seinen beruflichen Pflich­
ten kam er mit größter Gewissenhaftigkeit nach. Als akademischer 
Lehrer gelang es ihm wie kaum einem anderen, seine Hörer zu fesseln. 
Er war ein Büchernarr, von beinahe enzyklopädischem Wissen. Intel­
lektuelle, wissenschaftliche Arbeit bereitete ihm mehr Vergnügen als 
alles andere. Sie stillte seine Neugier und brachte Ordnung und 
Zusammenhang in die Vorstellung von der Welt und schließlich in die 
Welt selbst, wie man damals noch glauben durfte. Er war ein Bewunde­
rer Newtons und machte reichlichen Gebrauch von mechanischen 
Analogien. "In einem bestimmten abstrakten und philosophischen Licht 
betrachtet, erscheint die menschliche Gesellschaft als große, gewaltige 
Maschine." Aber es ist wohlgemerkt das philosophische System bzw. 
die Reflektion des Gegenstands in ihm, und nicht der Gegenstand 
selbst, das einer Maschine ähnelt, "erfunden, um in der Phantasie jene 
verschiedenen Bewegungen und Effekte miteinander zu verbinden, die 
in der Wirklichkeit bereits vollzogen werden". 
Die Aufgabe des Philosophen und Wissenschaftlers, so Smith, 
bestehe "nicht darin, etwas zu tun, sondern darin, alles zu beobachten." 
Als "Mann der Spekulation" gelinge es ihm, Zusammenhänge zwischen 
den entferntesten und unterschiedlichsten, dem flüchtigen Betrachter 
als gänzlich unverbunden erscheinenden Dingen herzustellen. Idealiter 
verkörpere er Wahrheitsliebe und Erfindungsgabe. In seinen Arbeiten 
über die Methode der Wissenschaft und die Geschichte einzelner 
Disziplinen betont Smith wiederholt das subjektive Moment. Nichts 
deutet darauf hin, daß er der Auffassung war, sein eigenes System 
enthalte letzte, ewige Wahrheiten. Wohl aber war er davon überzeugt, 
wie es einer Passage über die im damaligen Frankreich dominierende 
physiokratische Doktrin zu entnehmen ist, daß sein System der politi­
schen Ökonomie von allen bis dahin bekannten der Wahrheit am 
nächsten kam. 
Für die Richtigkeit dieser Einschätzung spricht einiges - nicht zuletzt 
der Umstand, daß Smith sein literarisches Netz weit ausgeworfen hatte 
und alles, was er an Brauchbarem bei anderen Autoren fand, verwer­
tete. Ihm ist deshalb verschiedentlich Eklektizismus und Mangel an 
Originalität vorgeworfen worden. In diesem Vorwurf steckt zwar ein 
Korn Wahrheit, aber er geht am Kern der Sache vorbei. Smiths Leistung 
besteht in dreierlei: Zum einen verdanken wir dem Schotten auf 
mehreren Feldern neue Erkenntnisse oder zumindest stimulierende 
Ideen, zum anderen die präzisere Fassung bereits bekannter Aussagen. 
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