Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

Schließlich, und am wichtigsten, gelang es ihm wie keinem Autor 
davor, die diversen Aspekte miteinander zu verweben und eine Gesamt­
vision von der Funktionsweise und Dynamik des sozioökonomischen 
Systems zu entwerfen. Kein geringerer als Karl Marx, ansonsten einer 
seiner schärfsten Kritiker, sieht in Smith neben David Ricardo den 
besten Repräsentanten der klassischen politischen Ökonomie. Letztere 
erforsche "den innern Zusammenhang der bürgerlichen Produktions­
verhältnisse - im Gegensatz zur Vulgärökonomie, die sich nur innerhalb 
des scheinbaren Zusammenhangs herumtreibt." 
II 
Der unparteiische Beobachter und Erfinder Adam Smith wird im 
Jahr 1723 im kleinen schottischen Ort Kirkcaldy am Fifth of Forth, 
gegenüber Edinburgh, geboren. Sein genaues Geburtsdatum ist unge­
wiß; bekannt ist, daß er am 5. Juni getauft wird. Nach dem Besuch der 
lokalen Schule immatrikuliert er sich 1737 an der Universität Glasgow. 
Am stärksten beeindruckt zeigt er sich von dem Moralphilosophen 
Francis Hutehesan (1694-1746), einem der führenden Köpfe der schotti­
schen Aufklärung. 17 40 geht Smith mit einem Stipendium an die 
Universität Oxford, die ihn sehr enttäuscht. Oxford ist für ihn nichts 
weiter als einer jener Orte der Gelehrsamkeit, an dem "gescheiterte 
Gedankengebäude und längst überwundene Auffassungen Schutz und 
Schirm fanden". Der geistigen Enge der Universität versucht er sich 
durch eifriges Selbststudium zu entziehen. Unter anderem ist überlie­
fert, daß er zum Mißfallen seiner Lehrer David Humes (171 1-1776) im 
Jahr 1739 erschienenes Werk A Treatise of Human Nature durcharbei­
tet. Das Buch wird konfisziert; es gilt als atheistisch und die Moral 
zersetzend. Mit Hume wird ihn später eine lebenslange Freundschaft 
verbinden. 
1746 kehrt Smith nach Kirkcaldy zurück. 1748 beginnt er, ermuntert 
und unterstützt von einem Kreis von Gönnern, in Edinburgh Vorlesun­
gen über Rhetorik, Literatur und schließlich auch Jurisprudenz zu 
halten. Sein Erfolg als Lehrer spricht sich herum. 1750 wird ihm die 
Professur für Logik an der Universität Glasgow angetragen; Smith 
nimmt an. 1752 wechselt er auf den Lehrstuhl für Moralphilosophie, den 
früher Hutehesan innegehabt hat. Sein Vorlesungszyklus behandelt 
Natürliche Theologie, Ethik, Jurisprudenz und Ökonomik. Zu Smiths 
Zeiten ist am Glasgower College u. a. James Watt tätig, der 1765 mit 
seiner Erfindung einer wesentlich verbesserten Dampfmaschine zu 
einem Wegbereiter der Industriellen Revolution werden sollte. 
Im Jahr 1759 veröffentlicht Smith sein erstes Hauptwerk, The Theory 
of Moral Sentiments (TMS). Es verschafft ihm in kurzer Zeit hohes 
Ansehen nicht nur in Großbritannien, sondern auch auf dem Kontinent. 
Die erste deutsche Übersetzung erscheint 1770. Der Stiefvater des 
jungen Herzogs von Buccleuch ist von Person und Werk so beein­
druckt, daß er Smith die Position eines Privatlehrers anbietet. Smith 
akzeptiert und legt zu Beginn des Jahres 1764 seine akademischen 
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