Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

Ämter nieder. Im gleichen Jahr tritt er mit dem ihm anvertrauten 
Zögling eine über zwei Jahre dauernde Frankreichreise an - die grand 
tour, fester Bestandteil der Erziehung von Sprößlingen der englischen 
Oberschicht. Smith lernt maßgebende Vertreter der französischen 
Aufklärung kennen. Er trifft aufVoltaire, Diderot, d'Alembert, Holbach 
und Helvetius und hat engen Kontakt zu den führenden Köpfen der in 
ihrer Blüte stehenden physiokratischen Schule, allen voran Franc;ois 
Quesnay, Arzt am Hof des Königs, und Turgot, dem späteren Finanzmi­
nister Ludwigs X VI. Der Aufenthalt in Paris kommt im Herbst 1766 zu 
einem jähen Ende, als der jüngere Bruder des Herzogs unerwartet 
stirbt. 
Smith kehrt zurück nach London und reist im Frühjahr 1767 in seine 
schottische Heimat weiter. Sein Einkommen als Privatlehrer wird ihm 
als Leibrente weitergezahlt und macht ihn finanziell unabhängig. Die 
folgenden Jahre arbeitet er mit nur geringer Unterbrechung an seinem 
magnum opus: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of 
Nations (WN). Die Arbeit geht schleppend voran. Einer der Gründe für 
die Verzögerung der Fertigstellung des Werks ist der in seine entschei­
dende Phase tretende amerikanische Unabhängigkeitskrieg. Smith 
sieht sich veranlaßt, das Verhältnis von Mutterland und Kolonien neu 
zu überdenken. Schließlich ist es soweit: Der WN erscheint am 9. März 
1776 in London. Der Erfolg ist überwältigend. Bereits nach wenigen 
Monaten ist die erste Auflage vergriffen und der Autor überschüttet mit 
Lob und Anerkennung. Einer seiner Freunde schreibt ihm: "Dein Werk 
verdiente es, zum Handelsgesetzbuch der Nationen zu werden, und ich 
bin überzeugt, daß es das bis zu einem gewissen Grad auch werden 
wird."  Ein anderer: "Es trifft zu, Du hast die Kirche, die Universitäten 
und die Handeltreibenden herausgefordert. Ich bin bereit, gegen sie alle 
an Deiner Seite zu stehen." Eine erste deutsche Übersetzung des WN 
wird 1776-1778 herausgebracht. 
Welch beherrschenden Einfluß Smith auf die Diskussion im dama­
ligen Großbritannien ausübt, mag an zwei Beispielen verdeutlicht 
werden. Nur neun Jahre zuvor hatte der Spätmerkantilist James 
Steuart (1713-1780) ein gewaltiges Opus zur politischen Ökonomie 
veröffentlicht. Nach Publikation des WN stellt er mit trockenem Humor 
fest, daß ein Buch von gleicher Länge über seinen verstorbenen Hund 
vermutlich nicht weniger Interesse auf sich gezogen hätte wie seine 
Political Oeconomy. Und als Smith im Jahr 1787 erstmals mit William 
Pitt dem Jüngeren, der 1783 mit vierundzwanzig Jahren britischer 
Premierminister geworden ist, in London zusammentrifft, bezeichnet 
sich dieser samt den anwesenden Mitgliedern seines Kabinetts als bloße 
"Schüler" von Smith. 
Die Arbeit am WN hat Smith viel Kraft gekostet. Seine Gesundheit ist 
angegriffen. Gleichwohl trägt er sich noch mit großen literarischen 
Plänen, so einer Geschichte der Philosphie und Literatur, einer Theorie 
und Geschichte des Rechts und der Regierungsformen sowie einer 
Analyse der nachahmenden Künste. Seine Vorhaben werden jedoch 
zurückgestellt, als er sich 1778 dazu entschließt, den ihm angebotenen, 
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