Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

den sich wandelnden sozioökonomischen Verhältnissen selbst einem 
mehr oder weniger großen Wandel. Smith thematisiert diesen Aspekt in 
seiner Vier-Stadien-Theorie der geschichtlichen Evolution menschli­
cher Gesellschaft (Jäger und Sammler, Viehzüchter, Ackerbauern, 
Handeltreibende). Seine besondere Aufmerksamkeit gilt der unter­
schiedlichen Bedeutung des Privateigentums und seiner ungleichen 
Verteilung in den vier Stadien sowie der Rolle des Staates als Einrich­
tung zu dessen Schutz. 
Die Erklärung und bis zu einem gewissen Grad auch Legitimierung 
der mit dem Heraufkommen der kapitalistischen Wirtschafts- und 
Gesellschaftsordnung verbundenen fundamentalen Umwertung tra­
dierter Werte ist eines der Hauptanliegen Smiths. Dies betrifft insbeson­
dere seinen Versuch der ethischen Neubestimmung der Chrematistik 
bzw. des Profitmotivs. 
Die Antwort ist wiederum der (wohl verstandenen) Natur des Men­
schen zu entnehmen. Vor allem zwei Dispositionen sind es, die Smith in 
diesem Zusammenhang ins Spiel bringt. Zum einen sei allen Menschen 
der Wunsch zu eigen, "ihre Lebensbedingungen zu verbessern - ein 
Verlangen, das uns vom Mutterschoß an begleitet und bis zum Grab 
nicht mehr verläßt." Das am häufigsten gewählte Mittel zur Erreichung 
"dieses großen Zwecks des menschlichen Lebens" bestehe in der 
Mehrung des Vermögens durch Sparsamkeit. Zum anderen weise der 
Mensch als vernunft- und sprachbegabtes Wesen eine ursprüngliche 
"Neigung zum Tausch und Handel" auf; ihm sei, wie es ein Autor 
formuliert hat, eine Kontraktlogik angeboren. "Jedermann lebt durch 
Tausch bzw. wird bis zu einem gewissen Grad zum Händler (mer­
chant)," England sei "eine Nation von Ladenbesitzern (shopkeepers)." 
Die bürgerliche Gesellschaft, in der der Bereicherungstrieb ausgelebt 
und so gut wie alles und jedes zur Ware wird, bringe als commercia? 
society nur die angeborenen menschlichen Eigenschaften zum Aus-
druck. Der antichrematistische Zug der aristotelischen und scholasti­
schen Ethik beruhe auf einem Mißverständnis der wahren Natur des 
Menschen. 
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß Smith zufolge derjenige, 
der in der Jagd nach Reichtum den Schlüssel zu einem wahrhaft guten 
Leben, zum Glück auf Erden, sieht, letztlich einer Täuschung unter­
liegt. "Aber", heißt es weiter "es ist gut, daß die Natur uns in dieser 
Weise betrügt. Denn diese Täuschung ist es, die den Fleiß der Menschen 
weckt und in steter Bewegung hält." 
IV 
Die von Smith im WN analysierte Gesellschaft ist eine Drei-Klassen­
Gesellschaft. Über die Grundherren (land?ords) weiß Smith wenig 
Erfreuliches zu sagen. "Sie ernten, wo sie nie gesät haben", und 
verlangen für die Nutzung des Bodens eine Art Monopoltribut: die 
Grundrente. Bei ihr handelt es sich um Besitzeinkommen pur - um 
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