Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

tionsformen bestehen, wenn nicht in einer Verbesserung der Lage der 
sich abrackernden Armen (the labouring poor)? 
Die Quelle allen Reichtums ist produktive menschliche Arbeit - nicht 
der Handel, wie die Merkantilisten behaupteten, und auch nicht die 
Natur, wie die Physiokraten. Aller nationale Wohlstand ist das Produkt 
des Fleißes und der Geschicklichkeit der Arbeitenden. Doch obgleich es 
ihnen zu verdanken ist, was an Gütern und Leistungen während eines 
Jahres erzeugt wird, ist ihre eigene Situation eher beklagenswert. Außer 
ihrer Arbeitskraft besitzen sie (fast) nichts. Ihre Teilhabe am gesell­
schaftlichen Reichtum hängt daher davon ab, ob und zu welchem Preis 
sie das einzige, was sie besitzen, verkaufen können - ob sie Beschäfti­
gung finden und zu welchem Lohn. "Das Eigentum, welches jeder 
Mann an seiner eigenen Arbeit besitzt, ist das am meisten geheiligte und 
unverletzliche, da es die ursprüngliche Quelle jeden anderen Eigentums 
ist. Das Erbe eines armen Mannes liegt in der Stärke und Geschicklich­
keit seiner Hände, und ihn davon abzuhalten, diese Stärke und 
Geschicklichkeit anzuwenden, ist eine klare Verletzung dieses am 
meisten geheiligten Eigentums." Zu zeigen ist somit, daß die commer­
cial society genügend Beschäftigungsmöglichkeiten bei ausreichend 
hohen und steigenden Lohnsätzen bereitstellt. Wie begründet Smith die 
fragliche Fähigkeit des Systems? 
Was Smith für am wichtigsten hält, erörtert er in seinen beiden 
Hauptwerken jeweils gleich im ersten Kapitel. In der TMS war es die 
Sympathie, im WN ist es die Arbeitsteilung. Letztere ist Dreh- und 
Angelpunkt seiner Theorie ökonomischer und sozialer Dynamik. Eine 
zunehmende Teilung der Arbeit mehrt den nationalen Wohlstand, 
international ist sie der Schlüssel zu einer prosperierenden Weltwirt­
schaft. Arbeitsteilung ermöglicht Spezialisierungsgewinne und indu­
ziert technologische Neuerungen: neue Produktionsverfahren ebenso 
wie neue Produkte. Sie steigert die Produktivität der Arbeit und 
bewirkt unter sonst gleichen Umständen einen Anstieg im realen Pro­
Kopf-Einkommen - Smiths Maß für gesellschaftlichen Reichtum. 
Arbeitsteilung ist für ihn gleichbedeutend mit ökonomischem Fort­
schritt schlechthin. Wie sie fördern? 
Die gesellschaftliche Teilung der Arbeit wird von der Größe des 
Marktes beschränkt. Der erste und wichtigste Schritt zu dessen Auswei­
tung besteht im Abbau von Handelshemmnissen aller Art - Freihandel 
lautet die Devise. Sodann hängt die Größe des Marktes aufs engste mit 
der Güte des Kommunikations- und Transportsystems zusammen. Die 
Bereitstellung einer funktionstüchtigen Infrastruktur (Straßen, schiff­
bare Flüsse, Hafenanlagen etc.) ist im wesentlichen Aufgabe des Staates 
und weist ihn als bedeutenden ökonomischen Akteur aus. Das Wachs­
tum der Märkte ist schließlich direkt abhängig von der privaten 
Kapitalakkumulation. Deren Bestimmungsgründe sind ein Haupt­
thema des WN. Da die Akkumulation Smith zufolge dominant aus 
Profiten gespeist wird, konzentriert sich seine Aufmerksamkeit auf die 
langfristige Entwicklung der Einkommensverteilung. Das Interesse an 
der Verteilungsfrage im allgemeinen und an der säkularen Tendenz der 
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