Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

Editorial Neokorporatismus in kleinen, offenen Volkswirtschaften Die in den europäischen OECD-Ländern bestehenden Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen lassen sich grob zwei unterschiedlichen Typen zuordnen: einem integrierten, neokorporatistischen bzw., um den hierzulande gebräuchli­ chen Ausdruck zu verwenden, sozialpartnerschaftliehen Typ, oder einem fragmentierten Typ von industrial relations. Integrierte Systeme zeichnen sich aus durch: - Gewerkschaftsdachverbände und Arbeitgeberorganisatio­ nen mit jeweils hohem Organisationsgrad, die aufgrund ihrer Zentralisierung oder spezifischer Koordinationsme­ chanismen einen zur internen Durchsetzung von zentralen Verhandlungsergebnissen ausreichenden Grad von verti­ kaler Kontrolle gegenüber ihren Mitgliedsorganisationen ausüben. - Kollektivvertragsverhandlungen auf Branchenebene, die unter den Mitgliedsorganisationen im Rahmen der Dach­ verbände koordiniert werden, oder auf zentraler Ebene, wobei sich der Geltungsbereich der ausgehandelten Tarif­ abkommen über den größten Teil oder die Gesamtheit der jeweiligen Volkswirtschaft erstreckt. Die Zentralisierung der Verbände stellt eine Voraussetzung für derart umfas­ sende Verhandlungen dar. - Kooperationsbereitschaft von Unternehmerverbänden, Gewerkschaften und Regierung (z. T. auch autonomen geldpolitischen Entscheidungsträgern), darauf aufbauende tripartite (oder quatropartite) Verständigung und Vereinba­ rung über wirtschaftspolitische Fragen. Diese Arrange­ ments sind durch Permanenz gekennzeichnet und beruhen auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens über vorran­ gige wirtschaftspolitische Zielsetzungen. Die Charakteristika fragmentierter Arbeitgeber-Arbeitneh­ mer-Beziehungen sind hingegen konkurrierende Gewerk­ schaften, die Existenz mehrerer, weitgehend unkoordinierter Kollektivverhandlungsebenen, also die horizontale und verti­ kale Zersplitterung des Lohnverhandlungssystems sowie das Fehlen oder die Unzureichlichkeit gesetzlicher Grundlagen für Kollektivverträge. Das Ergebnis sind instabile und kon­ fliktträchtige industrial relations. An dieser Stelle ist einschränkend anzumerken, daß die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen in den westeuropäi­ schen Ländern nicht in jeder Hinsicht dem ersten oder dem zweiten Typ entsprechen. Die tatsächlich existierenden Systeme weisen zahlreiche länderspezifische Besonderheiten 311

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.