Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 3 (3)

ten, in zweifacher Weise eine Schlechterstellung ihrer Mitglie­
der in Kauf nehmen: erstens hinsichtlich der Reallöhne, 
zweitens bezüglich der relativen Löhne, also der Stellung 
innerhalb der Lohnhierarchie. Das öffentliche Gut-Problem: 
eine moderate Lohnpolitik im obengenannten Sinn stellt ein 
öffentliches Gut dar. Ihr Nutzen (geringere Inflation, verbes­
serte Wettbewerbsfähigkeit, möglicherweise höherer 
Beschäftigtenstand) läßt sich nicht auf jene beschränken, 
welche die Kosten tragen. Trittbrettfahrer sind alle gesell­
schaftlichen Gruppen außerhalb des einkommenspolitischen 
Arrangements. 
Die Lösung beider Probleme ergibt sich durch umfassende 
Verbandsstrukturen und Verhandlungen auf zentraler 
Ebene, wobei wie betont erstere eine Voraussetzung für 
zentrale Vereinbarungen darstellen. 
Die Zentralisierung ermöglicht die Internalisierung von 
externen Effekten. Erstens löst die Kooperation von Einzel­
gewerkschaften im Rahmen von Dachverbänden das Gefan­
genendilemma. Vertikale Kontrollmechanismen unterbinden 
Außenseiterverhalten und resultierende Lohn-Lohn-Spira­
len, also Auseinandersetzungen über relative Löhne. Zwei­
tens können umfassende Gewerkschaften in höherem Maße 
den Nutzen moderater Lohnabschlüsse internalisieren. 
Die Auswirkungen von zunehmender Zentralisierung auf 
die Politik von Gewerkschafts- und Arbeitgeberverbänden ­
und somit auf die Verhandlungsergebnisse- hängen jeweils 
von zwei entgegengesetzten Tendenzen ab. 
Einerseits nimmt mit der Größe einer Gewerkschaft deren 
Marktmacht zu. Umfassendere Gewerkschaftsverbände zie­
hen zunehmend Nutzen aus einer niedrigen Nominallohnela­
stizität der Nachfrage nach Arbeit, da ein bestimmter Nomi­
nallohnanstieg einen umso höheren Anstieg der Produkt­
preise nach sich zieht, je mehr Branchen die Gewerkschaft 
erfaßt. Andererseits aber steigen mit zunehmendem Erfas­
sungsgrad eines Gewerkschaftsverbandes die Auswirkungen 
von deren Nominallohnabschlüssen auf die gesamtwirt­
schaftliche Verbraucherpreisentwicklung, d. h. die Kauf­
kraftgewinne einer bestimmten Nominallohnerhöhung 
schwinden mit zunehmender Größe der Gewerkschaft. Der 
letztgenannte Einflußfaktor überwiegt, wenn zwei große 
Branchengewerkschaften Kooperation beschließen: der 
Zuwachs an Marktmacht ist gering (da die Substitutionsela­
stizität zwischen Gütern auf höherer Aggregationsebene 
niedriger ist), während der Effekt auf das gesamtwirtschaftli­
che Preisniveau und damit die Kaufkraft der Mitglieder 
bedeutend ist. 
Auf die Unternehmer wirken folgende, in ihren Auswirkun­
gen entgegengerichtete Anreize: Mit zunehmender Zentrali-
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