Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 4 (4)

SPANIEN: LAND DER HALBEN 
ENTWICKLUNGEN 
Rezension von: Walther L. Bernecker, 
Sozialgeschichte Spaniens im 19. und 
20. Jahrhundert, Suhrkamp Verlag, 
Frankfurt/Main 1990, 377 Seiten, 
DM 18,-
Die Studie des Schweizer Histori­
kers Bernecker über den Weg Spa­
niens in die Moderne umfaßt den Zeit­
raum zwischen den zaghaften Reform­
ansätzen des aufgeklärten Absolutis­
mus in der zweiten Hälfte des 18. 
Jahrhunderts und dem dynamischen 
Reformismus der nachfranquisti­
schen Ara. Schwerpunkte der Struk­
turanalyse sind das alles andere über­
schattende Agrarproblem, das Schei­
tern einer "bürgerlichen Revolution" 
im 19. Jahrhundert, die Machtbehaup­
tung durch die traditionelle Oligarchie 
bis 1931,  die Rolle von Kirche und 
Militär sowie die zunehmende gesell­
schaftliche Polarisierung zu Beginn 
des 20. Jahrhunderts. 
Das Spanien des ausgehenden 18. 
Jahrhunderts war eine fast rein agrari­
sche Gesellschaft. Die politische und 
wirtschaftliche Macht im Ancien Re­
gime lag in den Händen der Krone, der 
Kirche und der Großgrundbesitzer. 
Latifundien in königlichem, klerika­
lem oder adeligem Besitz umfaßten 
rund zwei Drittel des bebaubaren Bo­
dens. Eine kluge Reform neutralisier­
te das schwache, vorwiegend katalani­
sche Bürgertum: Die Liberalisierung 
des Kolonialhandels eröffnete dem 
Handelsbürgertum eine "erstklassige 
Bereicherungsmöglichkeit" und ver­
ringerte dessen Interesse an anti-feu­
dalen Reformen. 
Die turbulente Zeit des Unabhän­
gigkeitskrieges gegen die französi-
574 
sehen Besatzer (1808-14) überstanden 
die traditionellen Eliten letztlich weit­
gehend unbeschadet. König Ferdi­
nand VII., der nach 1823 erneut als 
absoluter Herrscher regierte, hob na­
hezu alle liberalen Reformen aus der 
Ara der revolutionären Juntas wäh­
rend des Krieges und aus dem konsti­
tutionellen Triennium (1820-23) wie­
der auf. 
Nach dem Tode Ferdinands (1833) 
gingen Großgrundbesitzer und gemä­
ßigte Liberale im Zeichen von agrari­
schen Unruhen und dem Karlisten­
krieg ein Bündnis ein. Das Bürgertum 
unterstützte nach dem Verlust der Ko­
lonialmärkte die Liberalen in deren 
Streben nach einer Reform der über­
kommenen Agrarstruktur. Die Säku­
larisation von 1837 hatte die Nationali­
sierung und Versteigerung von riesi­
gen Ländereien der Kirche zur Folge. 
Die Eigentumsrechte der Großgrund­
besitzer blieben unangetastet. Ge­
meinsam mit dem Großbürgertum 
zählten die Latifundisten zu den Nutz­
nießern der Säkularisation. Mit der 
Beseitigung der Hemmnisse für den 
freien Grundverkehr fiel zwar die feu­
dale Grundherrschaft, die existieren­
de Eigentumsstruktur in der Land­
wirtschaft spitzte sichjedoch sogar zu. 
Die grundbesitzende Schicht erwei­
terte sich um Teile des Großbürger­
tums, die Entwicklung eines breiten 
Bauernstandes unterblieb, die Lage 
der Landarbeiter verschlechterte sich, 
da sie mit der Versteigerung des Kom­
munallandes eine wichtige Subsi­
stenzquelle verloren. Die liberale 
Agrarreform konsolidierte somit die 
Machtposition der Großgrundbesitzer 
und legte gleichzeitig die Grundlagen 
für die Entstehung des Agraranar­
chismus. 
Zwischen 1868 und 1874 scheiterte 
der Versuch einer demokratischen Re­
volution. Angesichts der erstarkenden 
Arbeiterbewegung (Anarchisten, So­
zialisten) war das Bürgertum mehr an 
der Erhaltung des Status quo als an 
demokratischen Experimenten inter­
essiert. Die Landarbeiter wandten 
------------------------------- - ?- ------ ?-- - -
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.